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Der Telebasel Sport Beitrag vom 09. Juni (Video: Telebasel)
Basel

Rosenkrieg im Schweizer American Football

Die Aussagen des Gladiators-Trainer sorgen in der ganzen Schweiz für Furore. Was steckt dahinter? Ein Kommentar zum aktuellen Zoff im Schweizer Football.
Was ist passiert?

Nach der abgesagten Schweizer Football-Saison im Frühling, spielen nun acht Mannschaften aus der Nationalliga A und Nationalliga B in einem neuen Cup-Format von August bis Oktober. Die Basel Gladiators zählen neben Schweizer Meister Calanda Broncos zu den Favoriten auf den Titel.

Ziel dieses Turniers ist die Förderung der eigenen Spieler und Nachwuchsspieler. Ein weiteres Ziel ist eine Alternative zur abgesagten Saison 2020 zu finden. Amerikanische Import-Spieler sind nicht erlaubt. Europäische Profis hingegen schon. Der Niveauunterschied? Immens, bei einer zusammengemischten Liga aus NLA und NLB-Teams, wenn Profis geholt werden.

Rivalität erhält Brisanz

Laut Gladiators Cheftrainer Dwaine Wood wird der Bündner Serienmeister garantiert Verstärkung holen und schiesst gleichzeitig scharf: Der Broncos-Erfolg sei nur mit der Hilfe ausländischer Import-Spieler zurückzuführen. Mehrere Broncos-Mitglieder bestreiten die Annahme, dass Calanda Import-Spieler holen wird.

«Wenn Calanda nur mit Spielern aus ihrer Region auftauchen würde, gehören sie zu den untersten Teams der Nationalliga B. Die sind nicht fähig eine Nationalliga B-Meisterschaft zu gewinnen», findet der Amerikaner. Dieses Statement sitzt. Und lässt Reaktionen nicht lange auf sich warten. Das Telebasel-Interview verbreitet sich in der Schweiz wie ein Lauffeuer.

Viele Mitglieder der Broncos nehmen Woods Aussagen persönlich und stufen diese als «respektlos» ein. Rache soll dann auf dem Football-Feld bei einem möglichen Playoff-Duell folgen.

Calanda Broncos Cheftrainer Geoff Buffum meint gegenüber«Südostschweiz»: «Unsere Mannschaft hat das Interview schon gesehen. Ich bin immer hoch dankbar, wenn andere Teams meine Arbeit erleichtern. Danke Dwaine, red weiter».

Prominente Abwesende im neuen Format

Zwar haben die Broncos bis jetzt keine Verpflichtung von Import-Spielern bestätigt, aber mehrere europäische Profis spielen seit Jahren für den Serienmeister.

Prominente Abwesende in diesem neuen Format sind Vizemeister Geneva Seahawks und 2019-Halbfinalist Bern Grizzlies. Mehrere Quellen berichten, dass die beiden Topteams kein Geld für Import-Spieler im Herbst aufbringen wollen und können, und somit nicht ohne diese Verstärkung mitspielen möchten.

Bern und Genf streiten diese Vorwürfe auf Anfrage ab. Die Seahawks meinen gegenüber «NFL Switzerland», dass sie ihre Gründe für die Nicht-Teilnahme haben, aber diese nicht gegen aussen kommunizieren werden. Der Cup findet nun ohne die beiden NLA-Teams statt. Über die effektiven Gründe kann weiterhin nur spekuliert werden.

Kommentar | Kim Realini (Sportredaktor)

Den Schweizer Football plagt eine zwei Klassengesellschaft. Der Talentunterschied zwischen einem Nationalliga A und einem Nationalliga B-Team kann immens sein. Die Calanda Broncos sind im Schweizer American Football, was der FC Basel von 2010 bis 2017 im Schweizer Fussball gewesen ist: ein absolut dominanter Serienmeister. 

Dominanz zeigen die Bündner nicht nur auf dem Football-Feld, sondern auch in der Infrastruktur. Die Broncos haben seit Jahren sehr starke Import-Spieler, aber auch zahlreiche Bündner Eigengewächse sind fester Bestandteil des Erfolges wie z.B Adrian Sünderhauf, Lukas Lütscher oder Erik Rageth.

Importspieler in der Nationalliga A sind zwar essentiell, um erfolgreich zu sein, dennoch wären die Bündner auch ohne amerikanischen Quarterback ein erfolgreiches Nationalliga A-Team und ganz sicher nicht in der unteren Tabellenhälfte der Nationalliga B anzutreffen. 

Der Cheftrainer der Gladiators goss ordentlich Öl ins Bündner Feuer. Die Äusserungen des Gladiators-Trainer sind untypisch für Schweizer Verhältnisse. In den USA und der amerikanischen Sportkultur gehört dieser «Trash Talk», vor allem von Spielern über ihre Gegner, zur Norm und wird meistens nicht zu persönlich genommen. 

Bei diesen Provokationen wird gerne auch oft etwas übertrieben. «Trash Talk» gehört in jede sportliche Rivalität dazu und das ist auch gut so. In der Schweizer Sportkultur ist er einfach ungewohnt und wird deshalb zu ernst genommen. Dass Woods Aussagen in Chur dennoch als «respektlos und beleidigend» interpretiert werden, ist aber trotzdem verständlich. 

Falls sich die Broncos tatsächlich mit europäischen Spielern für den Herbst-Cup verstärken, ist der Frust Dwaine Woods (und allen anderen beteiligten Vereinen) berechtigt. Beim neuen Format sollte Gewinnen nicht erste Priorität sein, sondern die Förderung der eigenen Spieler und die Freude am Football. 

Calandas Import-Spieler fühlen sich wohl bei den Broncos und bleiben oft länger als nur eine Saison erhalten. Eine Seltenheit im europäischen Football. Ausländische Profis verabschieden sich meist nach einer Saison wieder. Das spricht für die gute Vereinsführung der Bündner.

Es kann also gut sein, dass Calanda keine neuen Spieler verpflichten wird, aber mit ehemaligen, europäischen Imports spielen wird, die schon eine längere Historie beim Serienmeister haben.

Der Mixed League Cup soll die Lösung auf die verpasste Saison 2020 sein. Immerhin spielen vier Mannschaften aus NLA und NLB mit. Was die genauen Gründe für die Abwesenheit der NLA-Spitzenteams Bern und Genf sind, ist auch weiterhin nicht relevant.

Der Wirbel um Woods Statement wurde schliesslich viel zu gross, da solche Aussagen im Schweizer Sport der Seltenheit angehören. Der amerikanische Trainer im Dienste der Gladiators hat wahrscheinlich nicht geahnt, was er für ein Feuer schweizweit auslöst.

Ein mögliches Aufeinandertreffen zwischen Basel und Calanda kann in den Playoffs folgen. Beide Teams sind Favorit auf eine Finalteilnahme. Dieses Spiel wird jetzt nicht nur heiss erwartet, wegen der Qualität der Vereine, sondern auch wegen der zusätzlichen Brisanz, die dieses Duell durch Woods Aussagen erhalten hat. 

Die aktuellen Geschehnisse müssen aber auch nicht überdramatisiert werden. Wirklich entscheidend ist allein die Tatsache, dass es doch noch Schweizer Football in diesem Jahr geben wird.  Ein weiteres Kapitel in dieser Rivalität folgt dann bei einem allfälligen Spiel zwischen Calanda und Basel im Oktober. Spätestens im Final des neuen Cups soll dieser Rosenkrieg zwischen Basel und Calanda ein Ende finden.

1 Kommentar

  1. Endlich berichtet mal eine Medium konsequent über unseren Sport, das wurde auch mal Zeit und hilft dem Football dabei, in der Schweiz populärer zu werden – auch wenn solcher „Trash Talk“ den Sport nicht unbedingt von seiner besten Seite zeigt.Report

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