Firmen setzen zurzeit bei der Rekrutierung für Temporärstellen verstärkt auf Apps. (Symbolbild: Keystone)
Schweiz

Betriebe stellen während Corona vermehrt via Apps ein

Apps für Temporärstellen werden in der Schweiz immer beliebter. Das zeigt sich auch während der Corona-Krise.
Apps für Temporärstellen werden in der Schweiz immer beliebter. Sowohl für Firmen als auch für Arbeitnehmer bieten sie grosse Flexibilität, wie gerade die Krise gezeigt hat. So wurden Küchenhelfer von einem Tag auf den anderen zu Erntehelfern und Schuhverkäuferinnen zu Logistikmitarbeiterinnen.

In der Schweiz nutzen immer mehr Menschen Temporärstellen-Apps, die Firmen und Arbeitnehmer digital zusammenbringen. Laut einer Erhebung des Branchenverbandes Swissstaffing von 2018 gaben knapp ein Drittel der Stellenvermittler in der Schweiz an, dass Apps für sie ein wichtiges Rekrutierungsmittel sind. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein.

Es gibt Apps, die von klassischen Stellenvermittlern betrieben werden, wie beispielsweise die App Adia, die zum weltgrössten Stellenvermittler Adecco gehört, oder eigenständige Apps wie Coople.

  • So funktionieren die Apps: Betriebe laden eine Stelle hoch und wählen danach passende, interessierte Arbeitnehmer für den Einsatz aus. Stellensuchende legen ein Profil an, auf dem sie Zeugnisse und Diplome hinterlegen, ihre Sprachkenntnisse und Arbeitserfahrungen angeben und ihre Arbeitspräferenzen auswählen. Wenn sie ein Angebot interessant finden, können sie sich mit wenigen Klicks für die Stelle bewerben und erhalten dann in kurzer Zeit Bescheid, ob sie eingestellt sind.
    Apps wie Coople und die Adecco-Tochter Adia bieten reinen Personalverleih an. Die Angestellten sind also vom Anbieter der App angestellt und auch der Arbeitsvertrag und die Lohnabwicklung übernimmt die App. Darin unterscheiden sie sich von klassischen Temporärbüros, die meist auch Personal vermitteln, das dann vom Einsatzbetrieb angestellt wird.

Wandel auf dem Arbeitsmarkt

Coople, das 2009 gegründet wurde, hat gemäss Geschäftsführer Yves Schneuwly inzwischen rund 300’000 Nutzer in der Schweiz. «Jeden Monat kommen 8’000 bis 10’000 neue dazu.» Die schnelle Entwicklung sei auch durch einen Wandel auf dem Arbeitsmarkt befeuert worden: «Die Arbeitnehmer wollen immer mehr Verantwortung für die eigene Karriere übernehmen und bestimmen, für wen, wann und wie lange sie arbeiten wollen», sagt Schneuwly.

Die Verantwortlichen von Adia geben zwar keine Zahlen bekannt, gemäss Google Play Store wurde die App allerdings bereits über 100’000 Mal heruntergeladen. Nutzerzahlen sind gemäss Adia-Marketingexpertin Amira El Maghrabi jedoch wenig aussagekräftig, weil einige User auch inaktiv sind oder nur sehr selten Jobs annehmen, während andere fast täglich über die App arbeiten.

Vier Kategorien von Nutzern

Die Nutzer von Temporärstellen-Apps lassen sich gemäss Schneuwly in vier Kategorien einteilen. Den grössten Teil machen mit rund 40 Prozent diejenigen aus, die aus Notwendigkeit auf diese Arbeitsform setzen und sich damit das Haupteinkommen verdienen. Sie nutzen die App meist nur vorübergehend, bis sie wieder eine Festanstellung finden.

Eine Studie des Branchenverbandes Swissstaffing zeigt, dass über die Hälfte aller temporär Arbeitenden innerhalb von zwei Jahren nach Beginn der Temporärstelle eine Festanstellung hatten.

Die zweite Kategorie, die rund ein Viertel ausmacht, arbeitet freiwillig bei mehreren Arbeitgebern temporär und verdient sich damit den Lebensunterhalt. Gemäss Schneuwly kann sie sich damit einen «respektablen Lohn» verdienen.

Krise zeigt sich in der Nutzung

Die dritte Gruppe, die etwa 10 Prozent der Nutzer ausmacht, sind die sogenannten Working Poor. Sie haben zwar einen Job, sind aber zusätzlich auf Temporäreinsätze angewiesen, damit ihr Gehalt zum Leben reicht. «Das ist eine unschöne Entwicklung», sagt Schneuwly. Gemäss BFS-Daten waren 2018 in der Schweiz rund 660’000 Menschen trotz Job arm, verdienten also weniger als 2’300 Franken im Monat.

Die letzte Kategorie sind diejenigen, die sich etwas Besonderes gönnen wollen und dafür diese Form der Arbeit als Nebeneinkommen wählen.

«Auf der Plattform von Coople konnten wir die Einflüsse der Krise fast in Echtzeit mitverfolgen», sagt Schneuwly. Als am 16. März die ausserordentliche Lage angekündigt wurde, seien Angebote in der Gastronomie, im Eventbereich und im Tourismus praktisch von einem Tag auf den anderen weggebrochen.

Wechsel zwischen Branchen

«Gleichzeitig haben aber plötzlich ganz andere Branchen wie die Logistik oder der Lebensmitteldetailhandel einen erhöhten Personalbedarf gehabt», sagt El Maghrabi von Adia. Leute, die vorher lange im gleichen Sektor tätig waren, mussten sich plötzlich auf eine ungewohnte Arbeit einlassen. Ihnen sei die Erfahrung im Temporärsektor dabei zugutegekommen, meint Schneuwly: «Diese Flexibilität haben bei weitem nicht alle Arbeitnehmer.»

Dennoch konnte man nicht alle Arbeitnehmer, die durch die Krise plötzlich keine Jobs mehr fanden, in anderen Branchen unterbringen, wie Schneuwly sagt. Denn es seien auch grosse Firmen weggefallen, die normalerweise viele Jobs anböten. Dazu gehört beispielsweise der Bodenabfertiger Swissport, der seit 2015 mit der Plattform zusammenarbeitet.

Gemäss Swissstaffing gingen die Einsatzstunden der temporär Angestellten von Februar bis April im Vorjahresvergleich um knapp 15 Prozent zurück – ohne Berücksichtigung von Kurzarbeit.

Temporär-Apps reichen nicht

Die Anbieter gehen davon aus, dass durch die Krise künftig mehr Firmen auf flexibles Personal setzen, um auf Schwankungen reagieren zu können. Diese Tendenz hat sich gemäss Schneuwly aber bereits vor Corona abgezeichnet. Nach Entlassungen müssten Unternehmen wie beispielsweise Restaurants jetzt wieder neues Personal einstellen. «Viele steigen nun in dieser Erholungsphase auf flexible Arbeitskräfte um.»

Einfach nur auf Temporärstellen-Apps zu setzen, reicht jedoch nicht. In der Schweiz mit ihrem liberalen Arbeitsmarkt könnten auch Festangestellte mit relativ kurzen Kündigungsfristen entlassen werden, sagt Annalisa Job von der Adecco Gruppe. Deshalb müssten sich Unternehmen ein gutes Image schaffen, um die richtigen Leute zu finden, und zwar sowohl im Feststellen- als auch im Temporärbereich, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Trotz des Booms besteht im Temporärstellen-Apps-Markt noch einiges Wachstumspotenzial. Laut dem Bundesamt für Statistik waren letztes Jahr 1,2 Prozent der Arbeitnehmer von Stellenvermittlungsbüros angestellt und wurden auch durch diese entlöhnt. Wie hoch dabei der Anteil an per App vermittelten Stellen ist, ist jedoch nicht bekannt.

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