Kate und Gerry McCann zeigen während einer Pressekonferenz im Jahr 2007 ein Bild ihrer verschwundenen Tochter Madeleine. (Bild: Keystone)
International

Über Maddie will in Luz kaum jemand reden

Wenn man mit einem Bewohner von Praia da Luz ins Gespräch kommen möchte, dann sollte man eines auf keinen Fall tun: den Namen «Maddie» erwähnen.

Die Hoffnung, der Fall möge nach 13 Jahren endlich langsam in Vergessenheit geraten, machten jetzt die Nachrichten aus Deutschland mit einem Schlag zunichte.

Am «Strand des Lichts» löst die Nachricht, dass ein 43 Jahre alter Mann, der in Kiel hinter Gittern sitzt, der Entführung und Ermordung von Maddie verdächtigt wird, keine Erleichterung aus und erst recht keinen Jubel. Vielmehr werden alte Wunden aufgerissen. Erinnerungen an das lange Zittern um Maddie vor 13 Jahren werden wieder wach – aber auch an die  «schlimmen Kollateralschäden», wie ein Barbetreiber sagt, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Er und viele andere erinnern sich nun wieder mit Schrecken daran, wie damals der für die Region lebenswichtige Tourismus nach dem Verschwinden des Mädchens für einige Jahre deutlich zurückging.  «Und viele der Touristen, die kamen, sahen uns schief und misstrauisch an.»

«Zentrum des Bösen»

 «Diese Leute (gemeint sind Maddies Eltern und die britischen Medien) haben gar nicht an die Menschen hier gedacht, als sie 2007 ihr Spektakel aufgezogen haben», sagte Ana im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa im Mai 2017. Die Frau, die an der Strandpromenade von Luz heute noch Schmuck verkauft und Tattoos macht, forderte damals, als der Ort zum 10. Jahrestag des Maddie-Verschwindens zum x-ten Mal einen Journalisten-Ansturm erlebte:  «Langsam muss Schluss sein mit dem Zirkus». Ein Kollege von Ana bedauerte, Luz sei  «zum Zentrum des Bösen» gemacht worden.

Der Ärger hält im Jahr 2020 noch an. In Vila da Luz befürchtet man ein neues  «Medienspektakel», etwa bei einer neuen Suche nach der Leiche, das dem Image und der Wirtschaft der Region wieder Schaden zufügen könnte – noch dazu mitten im Pandemie-Stress.

Ganz Portugal betroffen

Aber nicht nur in Praia da Luz ist Unmut zu spüren. Wenn man Portugiesen nach ihren Gefühlen und Gedanken zu der neuen Entwicklung im Fall Maddie befragt, dann kommt auch in Lissabon die Antwort fast unisono über die Lippen:  «So viele Kinder verschwinden tagtäglich, wieso wurde ausgerechnet um diesen Fall so viel Aufhebens gemacht? Fragt sich das jemand mal? Wir haben gerade Pandemie und Sozialkrise», sagte am Donnerstag die Hauptstadt-Rentnerin Maria hörbar empört am Telefon. Der Barbetreiber in Luz wird noch lauter. Er schimpft:  «Über die kleinen Portugiesen, die verschwinden und womöglich auch von Ausländern entführt wurden, hört und liest man in den Medien nach zwei oder drei Wochen nichts mehr, schon gar nicht im Ausland.»

Auch die angesehene Anwältin Sofía Matos, die im portugiesischen Fernsehen beim Anblick von Maddie-Videos sichtlich bewegt war, kommt bei allem Mitgefühl für die Familie des Mädchens nicht umhin, auf eine gewisse Doppelmoral bei Medien und Behörden hinzuweisen.  «Was wir bei alldem auch nicht vergessen dürfen ist, dass in Portugal viele andere Kinder verschwunden sind, die nicht das Glück einer internationalen Polizeikooperation hatten wie im Fall Maddie.»

Fall von Rui Pedro

Matos erinnert an den Fall von Rui Pedro: Der Junge verschwand 1988 im Alter von elf Jahren spurlos. Mutter Filomena identifizierte ihren Sohn 15 Jahre später auf dem Portal eines internationalen Kinderpornografie-Rings. Hoffnung kam kurz auf, aber am Ende brachte das nichts. Hilfe und Hinweise aus dem Ausland blieben aus. Rui Pedro ist bis heute verschwunden. Medien in Portugal und die Zeitung  «El País» im Nachbarland Spanien stellten fest, es gebe  «Opfer erster und zweiter Klasse».

Wenige positive Reaktionen gibt es auch von den Experten, die von den portugiesischen Medien zu den Nachrichten aus Deutschland befragt werden. Die britische Polizei habe ein sehr gutes Budget, mit dem sie sehr viele Informanten bezahlen könne, sagte im TV der frühere Kripo-Koordinator Carlos Carmo.  «Von Zeit zu Zeit gibt es daher einen neuen Verdächtigen, aber es sieht nicht so aus, als ob man konkrete Beweise hat», meint er. In die gleiche Kerbe schlägt der frühere Polizeiinspektor Paulo Santos.  «Wir haben zu diesem Zeitpunkt sehr wenig, um behaupten zu können, dass es einen Durchbruch bei den Ermittlungen gegeben hat.» Die Kripo Portugals, die Policia Judiciaria, will auf Anfrage nichts Näheres sagen.

In Praia da Luz findet der Reporter von  «TVI24» derweil doch noch eine Portugiesin, die bereit ist, etwas zu Madeleine McCann zu sagen. Der jungen Luz-Bewohnerin Catarina Marques sieht man trotz Corona-Schutzmaske die Empörung im Gesicht an.  «Alle Jahre wieder kommen die Leute hierher, um über diese Sache zu sprechen», klagt sie. Und dann spricht sie das aus, was man hier immer wieder hört:  «Alle glauben zu wissen, was damals passiert ist». Was?, fragt der Reporter.  «Dass es die Eltern waren, das denken alle hier in Luz.»

Diese hoch umstrittene These vertrat und vertritt bis heute auch der der erste Chefermittler des Falles, Gonçalo Amaral. Der heute 60-Jährige wurde damals schon nach wenigen Monaten nach Kritik an den britischen Behörden vom Fall abgezogen. Er liess sich daraufhin pensionieren und schrieb das Buch  «Die Wahrheit über die Lüge». Darin und in Interviews behauptet er immer wieder: Maddie ist tot, die Eltern haben den Tod vertuscht. Jetzt, angesichts eines inhaftierten Verdächtigen in Deutschland, hat sich Amaral bisher nicht zu Wort gemeldet.

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