Neue Forschungsergebisse aus Zürich bringen Erkenntnisse zu Corona. (Symbolbild: Keystone)
Schweiz

Die meisten Covid-Fälle werden mit Antikörpertests nicht gefunden

Es könnte sein, dass sich deutlich mehr Menschen mit dem Coronavirus infizierten, als angenommen. Das zeigt eine Studie von Immunologen der Universität Zürich.

Jede Person, die mit dem Coronavirus in Kontakt kam, bildet Antikörper. Diese Antikörper können in einem Bluttest nachgewiesen werden. So kann eingeschätzt werden, wie viele Infizierte es tatsächlich gab.

Immunologen der Universität Zürich haben jetzt jedoch herausgefunden, dass bei einem milden Krankheitsverlauf kaum Antikörper im Blut nachweisbar sind, schreibt der Tagesanzeiger. Da mehr als 80 Prozent der Covid-19-Fälle mild verlaufen, könnte das auf eine deutlich grössere Dunkelziffer als bisher angenommen hinweisen.

Das Team um Onur Boyman, Professor an der Klinik für Immunologie des Universitätsspitals Zürich, hatte zwei verschiedene Gruppen untersucht. Eine, die aus Patienten mit mildem oder schwerem Krankheitsverlauf bestand, und eine mit Gesundheitspersonal, das mit dem Virus in Berührung gekommen ist.

Schätzungsweise fünfmal mehr Infizierte, als bisher angenommen

Die Forscher suchten dann nach Antikörpern, und zwar nicht nur mit gängigen Antikörpertests, sondern auch in Augen, Nase und Mund. «Die gängigen Antikörpertests erfassen längst nicht alle Fälle», sagt Studienleiter Boyman gegenüber der dem Tagesanzeiger. Man kann demnach annehmen, dass bis zu fünfmal mehr Menschen mit dem Coronavirus in Berührung kamen, wie einst angenommen.

«Das ist eine interessante Studie», sagt Daniel Pinschewer, der an der Universität Basel die Abteilung für Experimentelle Virologie am Departement Biomedizin leitet. «Ich finde es plausibel, dass wir mit den heutigen Blut-Antikörpertests nicht alle überstandenen Infektionen erfassen können.»

Antikörper sind unterschiedlich

Bei einer Infektion bilden sich unterschiedliche Antikörper wie zum Beispiel IgM, IgA oder IgG. Diese haben verschiedene Fähigkeiten, treten in verschiedenen Stadien der Infektion auf und vor allem an unterschiedlichen Orten im Körper.

Bei einer drohenden Infektion treten als erstes die Antikörper IgM auf. Sie können zwar wegen ihrer Grösse nur schlecht ins Gewebe eindringen, können jedoch auch eine grössere Virenmenge blockieren.

IgA-Antikörper binden stärker und werden vor allem in den Schleimhäuten gefunden. Sie tauchen laut der Studie bei milden Fällen rund acht Tage nach Symptombeginn auf und lassen sich nur bei einem kleinen Teil der Fälle vorübergehend im Blut nachweisen.

IgG kommen am wenigsten vor und können überall im Körper sein. Sie sind zwar am längsten nachweisbar, konnten aber bei Infizierten mit mildem Verlauf meistens nicht im Blut gefunden werden.

Antikörper bei Covid-19 in den Schleimhäuten

Bei mild Erkrankten und beim Gesundheitspersonal fanden die Forscher jedoch IgA in den Nasenschleimhäuten. Dies sogar bei Personen, die keine Symptome zeigten. Somit konnte man zum ersten Mal nachweisen, dass Covid-19-Patienten Antikörper in den Schleimhäuten haben. Im Blut konnten nur bei den schwer Erkrankten Antikörper nachgewiesen werden.

Neben den Antikörpern gibt es auch die T-Lymphozyten. Sie kämpfen gegen ein Virus an, wenn dieses bereits in den Körperzellen ist. Ausserdem haben sie eine Art Gedächtnis und erinnern sich so an eine bereits durchgemachte Krankheit. Wer nach einer Infektion die T-Lymphozyten im Körper trägt, hat keine auffindbaren Antikörper mehr im Blut.

Trotzdem könnte eine zumindest teilweise Immunität bestehen. «Das ist eine faszinierende Studie», sagt Francois Spertini, Professor für Immunologie am Universitätsspital Lausanne CHUV gegenüber dem Tagesanzeiger. «Sie hilft uns dabei, zu erklären, warum so wenig Menschen Antikörper im Blut haben und warum diese Werte vermutlich irreführend sind.»

Kinder und Covid-19

Kinder erkranken selten schwer am neuartigen Coronavirus. Die Studie liefert auch zu diesem Rätsel gewisse Hinweise. «Weil Kinder häufig an Infektionen der oberen Atemwege leiden, könnten sie schützende IgA-Antikörper in den Schleimhäuten haben», schreiben die Autoren. Diese Antikörper könnten durch eine fittere Immunabwehr in den Schleimhäuten bedingt sein und deshalb einen gewissen Schutz bieten. «Das könnte unter anderem erklären, warum Kinder selten schwer erkranken.»

1 Kommentar

  1. Ich finde diese Resultate ganz wichtig, und sie (und ähnliche Studien) erhalten mit der momentanen Zahlengläubigkeit nicht die notwendige Beachtung. Wir unterschätzen die Anzahl der Infizierten total, und überschätzen damit auch total die Sterblichkeit. Nicht ein bisschen, sondern um einen Faktor zwischen zehn oder hundert.

    Ich nehme jetzt mal den Kanton Genf, wo ich die Situation einigermassen kenne. Positiv für Covid wurden bisher in Labortests ca. 5000 Personen getestet. Gemäss den letzten Antikörperstudien habe aber 12% der Gesamtbevölkerung „Kontakt“ mit dem Covid gehabt, soll heissen, sie sollten eigentlich im Total der Infizierten mitgezählt worden sein. Das wären dann 60’000 Personen bei einer Bevölkerung von 0.5Mio. Schon hier sieht man, dass man mit den Labortests weniger also 10% der eigentlich betroffenen erwischt. Und die Boyman-Studie suggeriert, dass vielleicht mehr als 50% der Genfer den Covid mal hatten. Maximum 300’000 im Worst (oder vielmehr, eigentlich Best-) Case Szenario.

    Wenn das alles stimmt, hat das weitreichende Konsequenzen: die Sterblichkeit ist dann wirklich klein. Es gab in Genf ca. 300 Todesfälle, auf maximum 300’000 Infizierte, also 0.1% wie die Grippe. Weit weg vom fast 10-Prozent-Bereich, den die Laborbestätigten Fälle suggerieren (allerdings: 0.1%=wie die Grippe im Modus ohne Impfung, das sind wir uns schon eben schon nicht mehr gewohnt). Wenn man von maximal 300’000 Infizierten gerade mal 5000 per Labortest „erwischt“, scheint auch Contact-Tracing nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein, würde ja heissen, dass man auf 60 Fälle gerade mal einen nachvollziehen kann. Würde auch heissen, dass der Lockdown in Genf so spät kam, dass mehr oder weniger die vielbeschworene Herdenimmunität erreicht ist (dieses Statement ist nur regional gültig, Genf war viel stärker betroffen als fast die gesamte restliche Schweiz).

    Alles in allem ist die Studie hoch interessant, wenn nicht sogar brisant, und gibt zu denken. Besten Dank.Report

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