Wochenlange Isolation in winzigen, manchmal fensterlosen Kabinen, miserables Essen und schlechte Internetverbindungen - Pandemie auf hoher See. (Symbolbild: Keystone)
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Pandemie auf hoher See – alles Andere als Luxus

Ein Luxus-Schiff in der Karibik ist nicht der schlechteste Ort, eine Pandemie auszusitzen. Doch was Betroffene von ihrer Lage erzählen, beweist das Gegenteil.

Ein Luxus-Schiff in der Karibik – nicht der schlechteste Ort, eine Pandemie auszusitzen, könnte man denken. Doch was Betroffene von ihrer Lage erzählen, ist teils haarsträubend.

Wochenlange Isolation in winzigen, manchmal fensterlosen Kabinen, miserables Essen und schlechte Internetverbindungen. Hinzu kommt, dass nicht jeder weiter bezahlt wird. Und die Angst, sich anzustecken, ist auch immer da.

Tausende Besatzungsmitglieder von Kreuzfahrtschiffen stecken in der Corona-Krise weiter auf See fest. Satellitenbilder von den Bahamas, die für Aufsehen sorgten, zeigen eine absurd anmutende Ansammlung von Kreuzfahrtschiffen auf engem Raum. Schätzungen zufolge könnten weltweit annähernd 100 000 Mitarbeiter betroffen sein. Langsam werden nun Lösungen für sie gefunden, auch wegen örtlicher Lockerungen von Anti-Corona-Massnahmen.

«Zu Hause ist es am schönsten» – das war am Hafen des jamaikanischen Ortes Falmouth aus einer Menschenmenge zu hören, wie das Nachrichtenportal «Loop» berichtete. Die Menge war gekommen, weil das Kreuzfahrtschiff «Adventure of the Seas» dort angelegt hatte. Die 1024 Menschen an Bord konnten diese Woche nach langer Odyssee in ihrer Heimat an Land gehen. 19 von ihnen mussten allerdings isoliert werden, weil sie positiv auf das Coronavirus getestet worden waren.

Bereits Mitte März kein Betrieb mehr

Schon Mitte März stellten viele Kreuzfahrtunternehmen wegen der Corona-Krise ihren Betrieb ein. In den meisten Fällen – mit prominenten Ausnahmen – konnten die Passagiere bald darauf nach Hause. Viele Besatzungen blieben aber an Bord. Die Betreiber spekulierten auf eine kurze Zwangspause. Als klar wurde, dass das ein unrealistischer Wunsch war, hatten viele Länder ihre Grenzen dicht gemacht. Verhandlungen zwischen Unternehmen und Regierungen – etwa über Haftung und Kosten – gestalteten sich kompliziert. So sind inzwischen zweieinhalb Monate vergangen.

Für die US-Amerikanerin Julia Whitcomb, die im Dezember als Sängerin auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik anheuerte, war der Alptraum am 9. Mai endlich vorbei. Die 24-Jährige zeigte sich auf Facebook freudestrahlend in einem leeren Bus sitzend, in dem sie 21 Stunden lang von Miami in ihren Heimatbundesstaat Illinois gefahren wurde. Ihren Freund Bruno Cruells, den argentinischen Musikdirektor ihres Schiffes, musste sie zurücklassen.

Der ist seit Ende November an Bord, wie er auf Facebook erzählte. Am 23. März habe es den ersten positiven Corona-Test an Bord gegeben, fünf Tage später seien alle in die Quarantäne in ihren Kabinen gesteckt worden. Die habe 33 Tage angedauert, in denen seine Freundin und er keine frische Luft gehabt hätten – die ersten fünf Tage nicht einmal ein Fenster. «Julia weinte jeden Tag.»

Ein philippinischer Kollege sei auf dem Schiff gestorben – woran, liess Cruells offen. Von anderen Schiffen höre man, dass sich immer mehr Kollegen das Leben nähmen. Auch internationale Medien haben von mehreren solcher Fälle berichtet.

Cruells wurde inzwischen auf ein anderes Schiff gebracht, wie er erzählt. Er sei wieder in einer kleinen Kabine ohne Fenster. Nach mehreren angekündigten Heimflügen, die doch nicht zustande kamen, wurde dem 30-Jährigen nun einer am kommenden Dienstag in Aussicht gestellt.

Royal Caribbean, der Arbeitgeber des jungen Paares, antwortete nicht auf Anfragen. In einem Interview des Nachrichtensenders CNBC sagte Firmenchef Richard Fain vergangene Woche, die Mitarbeiter des US-Unternehmens kämen aus hundert Ländern, und jedes von ihnen habe Einreisebeschränkungen, selbst für eigene Bürger. Es werde noch einige Wochen dauern, alle Crew-Mitglieder nach Hause zu bekommen.

«Bis Anfang Juni»

Die Carnival Cruise Line hingegen peilt an, das «bis Anfang Juni» zu schaffen, wie der US-Kreuzfahrtanbieter auf Anfrage mitteilte. Bis Mitte Mai sei dies bei knapp der Hälfte der 26 000 Mitarbeiter, die nicht weiter Aufgaben an Bord zu erfüllen hätten, geschehen. Die Löhne würden mindestens 60 Tage lang fortgezahlt. Es werde viel mit den Besatzungen kommuniziert, die Fernseh- und WLAN-Angebote seien aufgebessert worden.

Das Unternehmen Princess Cruises erklärte, es gebe Sportmöglichkeiten innerhalb der Kabinen und ein von den Mitarbeitern produziertes Unterhaltungs- und Bildungsprogramm. Diesen würden auch telefonische Seelsorge sowie kostengünstige Internetpakete geboten.

Vor dem Hafen der philippinischen Hauptstadt Manila liegen derzeit etwa 20 Kreuzfahrtschiffe. Auf einem von ihnen sind nur noch fünf Besatzungsmitglieder, allesamt Musiker: der Kolumbianer Juan Jade und vier indonesische Kollegen. Jade erzählte kolumbianischen Medien, seine Heimkehr habe sich bisher nicht organisieren lassen, da die Mitarbeiter der Botschaft des südamerikanischen Landes nicht in Manila seien, sondern daheim in Bogotá feststeckten.

Jade verdient seit gut vier Jahren sein Geld damit, Kreuzfahrtpassagieren der Carnival-Tochter P&O Cruises Australia Musik der Beatles und von Queen vorzuspielen und vorzusingen. Für seine kleine Tochter zu Hause in Kolumbien hat er etwas Neues gelernt: Per Video spielten sie neulich zusammen «Six Feet Under» von Billie Eilish. Und Jade schrieb: «Das ist ein schöner Weg, deine Nähe zu spüren.»

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