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Der Telebasel News-Beitrag vom 20. April 2020.
Basel

Unlock-Strategien – Experten sind sich uneinig

Unlock-Diskussion: Chefarzt der Infektiologie Pietro Vernazza meint, dass einfache Massnahmen ausreichen. Molekularepidemiologin Emma Hodcroft sieht das anders.

Seit dem 16. April 2020 ist klar – der normale Alltag kommt langsam zurück. Der Bundesrat gab in einer Pressekonferenz erste Lockerungen bekannt. Doch der Schritt zurück in die Normalität ist unsicher. Der Bundesrat spricht von einem Blindflug. Niemand weiss, was passieren wird.

Angst vor der zweiten Welle

Schon seit über einem Monat muss sich die Schweizer Bevölkerung an Massnahmen halten, die einen normalen Alltag verhindern. Besonders soziale Aktivitäten und Unterhaltung fallen beinahe gänzlich weg – und die Wirtschaft leidet.

Umso grösser wird das Verlangen nach einer Lockerung der Massnahmen. Doch trotzdem sei hierbei Vorsicht geboten. «Sobald wir die Massnahmen lockern, wird sich das Virus wieder einfacher ausbreiten können», sagt die Molekularepidemiologin Emma Hodcroft von der Uni Basel zu «Blick». Von einem voreiligen baldigen Ende zu sprechen, sei ein Risiko. «Einen einfachen Weg aus der Krise gibt es nicht.»

Breitet sich das Virus vereinfacht aus, kann das zu einer zweiten Welle führen. Genau das, würde die Situation noch weiter in die Läge ziehen. Das Gesundheitssystem stände so vor einer grossen Herausforderung, dies aufgrund von Überlastung.

Auch mit milden Massnahmen keine Überlastung

Professor Pietro Vernazza, Chefarzt der Infektiologie im Kantonsspital St. Gallen, findet, dass trotz allem auch über schnellere Rückgänge gesprochen werden sollte. Hierbei bezieht er sich auf eine Studie von Epidemiologen der ETH Zürich.

«Diese Epidemiologen haben überraschenderweise festgestellt, dass die Ausbreitung der Covid-19-Epidemie bereits deutlich zurückgegangen ist, bevor die Lockdown-Massnahmen getroffen worden sind», meinte Pietro Vernazza am Montag zu Telebasel.

Auch das deutsche Robert Koch-Institut sei in eigenen Studien zu einem vergleichbaren Resultat gekommen. Das Gesundheitssystem wäre bereits mit milderen Massnahmen vor einer Überlastung geschützt.

Pietro Vernazza setzt den Fokus deswegen auf den Ausgleich, sozusagen das Preis-Leistungs-Verhältnis der Massnahmen. Die bereits getroffenen Massnahmen vor dem Lockdown, wie beispielsweise Abstand zueinander zu halten, in die Armbeuge zu niessen und ein Verbot für Veranstaltungen mit mehr als tausend Personen, hätten bereits einen riesigen Effekt gezeigt. «Alles andere, was jetzt noch dazukommt, ist in diesem Vergleich wahrscheinlich eher bescheiden», etwas, dass laut Vernazza genauer unter die Lupe genommen werden sollte.

«Jedes Modell basiert auf Annahmen»

Die ETH Studie, die Pietro Vernazza dazu brachte, die getroffenen Massnahmen in Frage zu stellen, besagt, dass bereits vor den Lockdown-Massnahmen am 13. März die Reproduktionsrate bei einer Person lag. Das bedeutet, dass bereits zu diesem Zeitpunkt, jede infizierte Person, lediglich eine weitere angesteckt habe.

Doch bei solchen Studien sei Vorsicht geboten. «Jedes Modell basiert auf Annahmen», schrieb die Molekularepidemiologin Emma Hodcroft an Telebasel. «Zwar werden die Modelle von sehr guten Professoren erstellt, wir müssen mit diesen Schätzungen aber trotzdem sehr vorsichtig sein», dazu kommt, dass es einige solche Einschätzungen gebe und nicht alle identisch seien. Besonders, da die Massnahmen sehr zeitnah getroffen worden sind, sei es nicht leicht zu sagen, was welchen Effekt ausgelöst hatte.

Während der St. Galler Chefarzt darauf hinweist, dass ein Überdenken der Massnahmen ratsam sein könnte, meint Emma Hodcroft: «Ich persönlich glaube, dass die Schweiz bei der sozialen Distanzierung, der Schließung von Schulen und der Schliessung von Bars den richtigen Ansatz gewählt hat. Es scheint, dass wir früh genug und entschlossen genug gehandelt haben, um dieses Virus einzudämmen, ohne dass es einer vollständigen Sperrung bedurfte», eine Entschlossenheit die anderen Ländern wohl fehlte.

Emma Hodcroft fügt hinzu: «Es ist wahrscheinlich, dass, wenn wir nicht so gehandelt hätten, wie wir es getan haben, noch viele mehr in der Schweiz tot sein könnten.»

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