«Nicht offen und nicht transparent genug», das sind die Kritik-Punkte von Marcel Salathé an der Corona-App, die derzeit auf europäischer Ebene entwickelt wird. (Bild: Keystone)
International

Knall bei Corona-App – Schweizer Epidemiologe steigt aus

Eine internationale Corona-App soll die Ausbreitung eindämmen. Nun steigt der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé aus. Er zweifelt an der Transparenz.

Die Contact-Tracing-App PEPP-PT soll dazu beitragen, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé gehörte zu den treibenden Kräften des internationalen Projekts. Nun zieht er sich daraus zurück, wie er am Freitag auf Twitter bekanntgab.

Er glaube noch immer an einen internationalen Ansatz unter Schutz der Privatsphäre, schreibt der Forscher der ETH Lausanne. Er könne aber nicht hinter etwas stehen, von dem er nicht wisse, für was es stehe. Im Moment sei PEPP-PT nicht offen und nicht transparent genug.



Entscheidend seien die Details, schreibt Salathé. Dazu gehören für ihn die Protokolle, Privatsphäre oder Systemsicherheit. Alle, die an einer Lösung arbeiteten, sollten dies offen tun. «Transparenz ist zwingend», schreibt der Forscher auf Twitter.

Salathé will sich nun voll und ganz dem DP-3T-Projekt widmen. Es handelt sich um ein Open-Source-Projekt. Daten sollen dezentral und anonym gespeichert werden. Ideen könnten offen diskutiert werden, schreibt Salathé. Das Forscherkollektiv DP-3T hat am Freitag weitere Testversionen einer Contact-Tracing-App zur Erprobung veröffentlicht.

Experten setzen auf App

Solche Apps sollen ihre Nutzer warnen, wenn sie Kontakt zu Infizierten hatten. Die Betroffenen könnten sich dann zum Beispiel isolieren oder testen lassen. Die Unterbrechung von Ansteckungsketten soll zur Eindämmung der Pandemie beitragen, bis ein Impfstoff auf dem Markt ist.

Was Salathés Rückzug für die Strategie des Bundes zur Eindämmung der Epidemie bedeutet, ist unklar. Matthias Egger, Präsident der wissenschaftlichen COVID-19 Task Force, hatte sich Anfang April zuversichtlich zum Einsatz von PEPP-PT gezeigt.

Es seien noch Abklärungen zum Datenschutz im Gang, technisch sei man aber sehr weit. Je früher die App eingesetzt werde, desto besser. «Alles, was dazu beiträgt, Infektionsketten zu unterbrechen, ist willkommen und sollte eingesetzt werden», sagte Egger vor Journalisten.

BAG-Delegierter zurückhaltend

Die Nutzung von Contact-Tracing-Apps soll in der Schweiz freiwillig sein. Nach Einschätzung von Egger wäre die Akzeptanz in der Schweizer Bevölkerung aber relativ gross: Er geht davon aus, dass rund 30 Prozent teilnehmen würden.

Im Gegensatz dazu steht das Contact Tracing durch die Behörden, wie es zu Beginn der Epidemie angewendet wurde. Dieses wird in der Schweiz von den kantonsärztlichen Diensten durchgeführt, wie Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit am Freitag erklärte. Dabei werden die Betroffenen per Verfügung in Quarantäne geschickt.

Die Kapazität dieser Massnahme ist aber stark beschränkt. Die Grenze liegt laut Koch bei rund 100 Fällen. Zur App-Entwicklung äusserte er sich nicht. Der Bund werde eine solche Anwendung prüfen, wenn sie vorliege, sagte er.

Internationales Projekt

PEPP-PT steht für Pan-European Privacy Preserving Proximity Tracing-Initiative. Deren App soll die auf Smartphones installierte Bluetooth-Datenübertragungstechnik nutzen, um festzustellen, welche anderen Handys sich über eine für eine Infektion relevante Zeit hinweg in entsprechender Nähe befanden.

Neben der ETH sind an der Entwicklung zahlreiche andere namhafte Forschungsanstalten beteiligt, darunter das Berliner Fraunhofer-Institut, die Technischen Universitäten Dresden und Berlin, das französische Institut national de recherche en informatique et en automatique sowie der Telekommunikationskonzern Vodafone beteiligt. Die deutsche Bundeswehr führte praktische Versuche mit der Plattform durch.

Schweizer Armee im Einsatz

Die Hintergründe über den Bruch zwischen den Forschungskollektiven sind unklar. Nach Angaben von Forschern hat PEPP-PT Informationen zu DP-3T von der Website entfernt, ohne sich dazu zu äussern.

Es gebe Gerüchte, dass PEPP-PT-Mitglieder für ein nicht-öffentliches Design lobbyierten schreibt der ETH-Forscher Mathias Payer vom DP-3T-Kollektiv auf Twitter. Dafür sei deutlich mehr Vertrauen in die Regierung nötig. Payer hat am Freitag mit Angehörigen der Schweizer Armee Feldversuche mit DP-3T durchgeführt.

3 Kommentare

  1. Ich werde diese Art von überwachungsstaat niemals tolerieren. Sollte diese App einfach mal so obligatorisch werden, bleibt mein Handy eben ausgeschaltet. Die Gefahr dieses Viruses ist schon länger bekannt und allerspätestens, als es in China losging, hätten die Regierungen in Europa reagieren müssen. Nö, da waren wirtschaftliche Interessen zu wichtig. Es ist lächerlich, dass sich jetzt ganze Völker widerstandlos einsperren lassen und klaglos sogar auch noch die letzten Persönlichkeitsrechte wie Datenschutz aufgeben. Und genau diese Regierungen, die uns das zu einem grossen Teil eingebrockt haben auch noch loben….unglaublich!Report

  2. Contact Tracing App oder Anti-Corona-Tracking-App oder Coronavirus-Apps. Wer sich diesen Corona-Virus-Trojaner freiwillig auf sein Hany lädt, dem ist nicht mehr zu helfen. Ältere Semester in unserer Gesellschaft benutzten, wenn überhaupt, alte Mobil-Telefone ohne Apps, GPS, Bluetooth und Daten-Zugriff. Diese alten Dinger dürften sich alsbald zu Spitzenpreisen auf Amazon verscherbeln lassen. „A horse handy! A horse handy! My kingdom for a horse handy!“ Solange das 3G-Netz noch nicht abgeschaltet ist, die letzte Rettung für paranoide Zeitgenossen. (Paranoia ist heutzutage keine Krankheit mehr. Dieser Begriff steht jetzt für digitalen Selbstschutz) Jetzt bleibt den staatlichen Kontroll-Freaks nur noch der RFID-Transponder, so klein wie ein Reiskorn. RFID gechipte Personen brauchen weder eine ID noch einen Pass. Je nach politischer oder gesellschaftsrelevanter Situation werden die RFID Chips upgedatet. Anonymität wird zum Fremdwort. Aber zurück zum aktuellen Thema: wer diesen Corona-Virus-Trojaner freiwillig auf sein Hany lädt ist ein wandelnder, gläserner Vollpfosten.Report

  3. Buuuh peinlich! Gut gemacht, Prof. Salathé!
    Was ist daran so schwierig, alles offen zu legen…?
    Aber sobald Armeen involviert sind – ein Schelm wer Böses dabei denkt!Report

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