Es gibt eine Zeit nach Ostern und Lockdown: Wie gestalten wir sie? (Bild: Keystone)
Basel

Die Corona-Krise und das Gute

Die Coronakrise hat vielen Menschen Leid zugefügt. Aber wir haben eine grosse Leistung vollbracht. Gedanken zu Ostern in Zeiten von Corona von Claude Bühler.

Wir Journalisten funktionieren ähnlich wie die Ärzte oder die Anwälte: Wir sind da, wenn etwas nicht mehr aufgeht. Krisen sind unser Brot, das Negative gibt uns die Struktur, das Unvereinbare setzt uns in Bewegung. Manchmal kommt es mir vor, als prägten wir die gesellschaftliche Denkrichtung: nicht mit den Informationen, sondern mit dem Fokus auf all das, was nicht läuft und auf die Prediger des Misstands, links und rechts, die wir dramaturgisch mit der leuchtenden Rolle der Erkenner besetzen.

Aber jetzt gerade habe ich die Schnauze voll von Krach, Zank, Reibungsflächen, geschliffenen Bällen, profilierten Auftritten, Nadelstichen, «Forderungen». Haben Sie es bemerkt? Wenn man das Wort «Forderungen» in Anführungszeichen setzt, enthüllt es seine wahre Natur. Das Wort ist ein instantaner Allesverschlinger. Das «und zwar subito!» hängt an ihm dran – es wirkt wie beim Knirps, der an der Herbstmesse die Zuckerwatte erspäht.

Und bei der FDP und der SVP, kaum dass die Ansteckungen zurückgingen, angetrieben von Wirtschaftsleuten im Verborgenen, die ihnen in den Rücken geboxt haben. «Subito», nach dem 19. April: Lockdown lockern, Läden auf, Masken an! «Wenn wir das nicht machen, setzen wir das Verständnis für die Massnahmen des Bundesrates unnötig aufs Spiel», setzte FDP-Chefin Petra Gössi hintenan. Klingt doch einleuchtend.

Liebe Leserin, lieber Leser, seien Sie doch nicht so naiv. Frau Gössi hat Ihnen einen Keil untergejubelt. Nämlich, dass es eine Differenz zwischen den bundesrätlichen Massnahmen und der Meinung der Bevölkerung gebe, dass die Bevölkerung jetzt schon Lockerungen wünsche. Ich behaupte: Sie hat allgemeine Unmutsbezeugungen über das Zuhausehocken als Beleg genommen. Welche hätte sie sonst? Ebensogut, mit der selben Beweiskraft, könnte ich die Telebasel-Umfrage anführen. Die besagt aktuell: 43 Prozent finden die Massnahmen in Ordnung, 36 Prozent wollen sogar eine Verschärfung.

Wir sind nicht immun

Zum Wesen der politischen Forderung gehört, dass sie das grosse Bild ausblendet. Wer kontrolliert denn die Maskentragpflicht? Und: Wenn alle Läden geöffnet werden, sind wieder viel mehr Leute auf den Strassen, im Tram, im Zug. Wie stünde es da mit der befürchteten zweiten Welle? Dank der Massnahmen des Bundes hat ein Grossteil der Bevölkerung das Virus gar nicht durchgemacht. Wir sind nicht immun.

Gewiss, wir leben in einer Demokratie. Man darf gottseidank alles sagen. Aber Respektspersonen, wie es Parteichefs sind, setzen Impulse, machen Meinungen. Andersrum: Sie erteilen auch moralische Erlaubnis, um lästige Pflichten mit dem Verweis «Wenn die das sagen, kann es ja so schlimm nicht mehr sein» abzuschütteln.

Darum die Frage: Haben es FDP und SVP den Behörden damit einfacher gemacht, die Bevölkerung auf diszipliniertes Verhalten über Ostern einzuschwören?

Zudem: Welche Erklärungen gibt es, dass die beiden Parteien sich zu «Forderungen» gegenüber der Landesregierung veranlasst fühlten, in der sie die Mehrheit stellen?

Hausarrest by soziale Übereinkunft

Und nun zum anderen Grund, warum ich im Moment der Entzweiung müde bin. Weil ich darüber staune, weil ich mich freue, dass wir eine unglaubliche gemeinschaftliche Leistung vollbracht haben. Wir hockten und hocken zuhause! Wir feiern keine Corona-Parties! Allein bewirkt mit Aufrufen (und wenigen Bussen)! zu Hausarrest by soziale Übereinkunft. Wir haben so verschärfte Massnahmen wie eine Ausgangssperre obsolet gemacht! Und damit die Ansteckungszahlen um die Hälfte gesenkt, die Kurve flach gemacht.

Wir haben Hilfs- und Solidaritätsaktionen aus dem Boden gestampft. Wir haben nebenbei die Luftverschmutzung um die Hälfte gesenkt.

Man darf das nicht unterschätzen. Wie sagte doch Schiller über uns? «Und die Gewohnheit nennt er (wir!) seine Amme». Wie viel Ausagieren haben wir unterlassen? Auf wie viel, was uns sonst unentbehrlich erscheint, haben wir verzichtet? Wie viele Gewohnheiten haben wir praktisch von null auf hundert sistiert? Nein, den Bundesrat haben wir als «Amme» angenommen – das sind jene sieben Leute, an denen wir sonst wenig Gutes lassen.

Das Gute

Zum Schluss: Ich wünsche uns, dass wir ein paar Dinge, Errungenschaften, in die Zeit nach Lockdown und Virus-Bedrohung hinüberretten können. Zum Beispiel: Die neue Freundlichkeit und das Gefühl verstärkter gegenseitiger Wertschätzung, die ich beobachte. Die nachbarschaftliche Hilfe.

Man könnte nämlich sagen, vor der Krise hatten wir mehr «social distancing» als jetzt, da wir das «physical distancing» einhalten müssen.

Die tiefere Luftverschmutzung: Um die Hälfte haben wir sie mit unserem Verzicht gesenkt. Und jetzt? Wieder retour zum zerstörerischen Courant normal? Wenn es in unserer Gesellschaft noch so etwas wie ein «Sollen» als Gegenmacht zum wirtschaftlichen Sachzwang gibt, dann kann das nicht die Antwort sein.

Die Politik: Vielleicht schaffen wir einen konstruktiveren Ton, mehr Besonnenheit, von allen den Blick für das Ganze. Weil wir uns stärker als Gemeinschaft erlebt haben, wissen, dass wir diszipliniert sein können, auch wenn wir vielleicht nicht jede Massnahme billigen.

Schliesslich auch: Die Macht eines positiven Gedankens oder des Zuspruchs. Das Netz ist voll davon. Gruss an die Zyniker: Nicht alles davon ist nur harmoniebesoffen.

Sind das bloss Ziele, aufs Innigste zu wünschen?

Nein, wir müssen! Gerade auch weil es uns die nächsten Jahre wirtschaftlich schlechter gehen wird. Die Krise zeigt es uns: Eine wirkliche Leistung, die das Normale übersteigt, funktioniert nur zusammen. Wir könnten lernen, was es nie gab, nämlich eine einander zugewandte Gesellschaft zu werden. 

In diesem Sinne: Schöne Ostern. Bleiben Sie gesund.

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