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Premier Boris Johnson in «stabilem Zustand»

Der Gesundheitszustand des britischen Premierministers Boris Johnson ist nach Regierungsangaben stabil.

«Ich war neulich abends in einem Krankenhaus, in dem es wohl einige Coronavirus-Patienten gab. Und ich habe allen die Hand geschüttelt.» Der britische Premier Boris Johnson ist bekannt für markige, teils provozierende Worte und Taten.

Selbst zu Beginn der Corona-Krise Anfang März in Grossbritannien hörte er damit nicht auf. Er fügte noch hinzu: «Und ich schüttle weiterhin die Hand.»

Nun ist Johnson selbst schwer an dem Virus erkrankt und liegt auf der Intensivstation. Sein Zustand hat sich aber stabilisiert, wie ein Regierungssprecher am Dienstag mitteilte. Johnson musste demnach bislang nicht an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. Dem Premierminister werde zwar Sauerstoff zugeführt, aber er «atmet selbstständig ohne jegliche Unterstützung». Die Ärzte konnten auch eine Lungenentzündung ausschliessen, berichtete sein Sprecher.

Der ehrgeizige Aussenminister Dominic Raab vertritt nun Johnson und leitet auch die täglichen Corona-Krisensitzungen des «Kriegskabinetts», an dem die wichtigen politischen Entscheider teilnehmen – per Videocall.

Mehrere Regierungsmitglieder erkrankt

Johnson ist nicht das einzige Regierungsmitglied, das sich mit dem neuartigen Erreger angesteckt hat. Sogar Gesundheitsminister Matt Hancock hatte es erwischt; er ist inzwischen wieder genesen und voll arbeitsfähig.

Raab, Hancock und die anderen Regierungsmitglieder haben im Kampf gegen die Pandemie eine kaum lösbare Aufgabe zu bewältigen: Denn der staatliche Gesundheitsdienst NHS (National Health Service), der vor allem über Steuern finanziert wird, ist seit Jahren chronisch unterfinanziert und marode. Daher war er auch das zentrale Thema bei der Parlamentswahl im Dezember, aus der Johnson als Sieger hervorging. Selbst vor der Pandemie stand der NHS regelmässig vor dem Kollaps, vor allem im Winter, wenn die vielen Grippefälle hinzukamen.

Es fehlt an allem: Krankenschwestern berichten, dass sie bei der Behandlung von Corona-Patienten die Luft anhalten, weil sie keine Masken haben. Andere stülpen sich grosse Müllbeutel über, um sich zu schützen.

Nicht genug Beatmungsgeräte

Für die Lungenkranken gibt es bei weitem nicht genug Beatmungsgeräte. Schon bald, so Mediziner, müssten sie über Leben und Tod entscheiden: Wer die grössten Überlebenschancen hat, wird an ein Gerät angeschlossen. Sowohl bei der Zahl der Coronavirus-Tests als auch bei der Anzahl der Betten auf Intensivstationen steht Grossbritannien im internationalen Vergleich schlecht da.

Einem Bericht der Stiftung Health Foundation zufolge fehlen dem NHS mehr als 100 000 Mitarbeiter, darunter 44 000 Pflegerinnen und Pfleger.

Der Brexit verschärfte das Problem zusätzlich. Zahlen des Nursing and Midwifery Council zufolge ging der Zustrom an Pflegekräften aus der Europäischen Union zwischen 2017 und 2018 um 87 Prozent zurück. Mehrere Tausend NHS-Mitarbeiter vom Kontinent kehrten Grossbritannien seit dem Brexit-Referendum 2016 den Rücken.

Zu allem Unglück reagierte die britische Regierung zu Beginn der Krise mit einem Schlingerkurs. Wertvolle Zeit sei dadurch verstrichen, bemängelten Kritiker.

Johnson selbst gab sich hingegen noch in Isolation und vom Krankenbett aus kämpferisch. Mit seinen markigen Worten spricht Johnson vor allem den einfachen Mann an. «Der Premierminister ist jemand, der eine erstaunliche Energie und eine grossartige Entschlossenheit hat», sagte Gove im BBC-Interiew. Gove ist in Selbstisolation, weil ein Familienmitglied erkrankt ist.

Raab wird auf Probe gestellt

Wie nun Johnsons Stellvertreter Raab, der auch einige Monate Brexit-Minister war, die Krise wohl managen wird? Der Experte für Internationales Recht mit Abschluss der Universität Cambridge arbeitete zunächst für eine Anwaltsfirma in der Londoner City.

2006 trat er dann ins Aussenministerium ein, zu dessen Chef ihn später Premier Johnson machte. Der zweifache Vater gilt als ausserordentlich ehrgeizig – und sehr kämpferisch. In seiner Freizeit boxt er gerne und er hat den schwarzen Gürtel in Karate.

Vielleicht hilft ihm sein Ehrgeiz, auch den Kampf gegen das Coronavirus erfolgreich aufzunehmen. Einfach dürfte es aber nicht werden. Erste Politiker wie der konservative Parlamentarier Tobias Ellwood hinterfragten bereits, was der 46-jährige Raab denn nun genau entscheiden dürfe. Da es keinen festen Stellvertreter für den Premierminister gibt, entscheidet dieser selbst, wer ihn vertritt.

Der konservative Politiker Michael Heseltine glaubt, dass Raab «durch die Einsamkeit des Jobs auf die Probe gestellt wird». Heseltine hatte den früheren Premier John Major vertreten und sieht Raabs neue Position sehr skeptisch. Er sei jetzt von vielen Menschen umgeben, die «glauben, dass Boris Johnson schnell wieder zurückkommen wird und die sowieso ihre eigenen persönlichen Vorstellungen haben».

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