Pro Helvetia-Direktor Philippe Bischof möchte auch die Kulturförderung nach der Covid-19-Krise zur Diskussion stellen. (Bild: Keystone)
Schweiz

Kunst soll Krise trotzen

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia regt Künstlerinnen und Künstler unter dem Titel «Close Distance statt Cultural Distancing» zu neuen Projekten an.

Pro Helvetia unterstützt mit einer Ausschreibung neue Projekte in der Kunstproduktion. Künstlerinnen und Künstler aller Kultursparten können digitale oder analoge Projekte einreichen, die über die derzeitige Krise hinausweisen sollen. Dabei sollen die Produktionen einen Bezug zur Schweiz haben oder von gesamtschweizerischem Interesse sein, wie die Kulturstiftung am Dienstag mitteilte.

Die Kulturstiftung unterstützt die Projekte mit maximal 50’000 Franken, fünf bis sieben solcher grösserer Vorhaben kann die Stiftung vorerst fördern. Denkbar seien aber auch zehn bis zwölf mittelgrosse Projekte, sagt Pro Helvetia-Direktor Philippe Bischof im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Ausschreibung ist nicht befristet und soll mit einem Minimum an Vorgaben den grösstmöglichen Raum für neue Ideen lassen.

Kreative Strategien mit Bestand

«Uns interessieren alternative Formate, die neue Wege für das Kulturschaffen und den Kulturaustausch aufzeigen», so Philippe Bischof. Als mögliches Beispiel führt er kollektive Life-Performances an, die über Chatformate entstehen. Weitere Möglichkeiten seien experimentelle künstlerische Formen der Zusammenarbeit oder der Reflexion, internationale Vernetzungen oder Plattformen.

Der Punkt für Bischof ist, dass solche Formate «vom Bedürfnis nach physischer Präsenz in den digitalen Raum führen». Damit mögen sie zwar aus der Not der derzeitigen Krise heraus entstanden sein, aber gleichzeitig stehen sie für kreative Strategien, die auch nach der Krise Bestand haben können.

Krise auch als Chance für die Kunst

Denn für Pro Helvetia ist die derzeitige Krise zwar unbestritten eine Notsituation, aber letztlich akzentuiert sie Diskussionen und Probleme, die die Kulturbranche bereits seit Jahren umtreiben. «Bereits vor dieser Ausnahmesituation haben wir intensiv über Fragen der Mobilität in der Kulturbranche, von Nachhaltigkeit im Kulturschaffen und von fairer Bezahlung der Kulturschaffenden diskutiert.» Mögliche Antworten können nach Bischofs Auffassung Wege in die Zukunft weisen. Insofern sieht er in der Krise auch eine Chance.

«Der weltweite Kulturmarkt ist auf Internationalität aufgebaut. Künstlerinnen und Künstler, die darauf ausgerichtet sind, verbringen sehr viel Zeit auf Reisen. Und sie haben kaum Zeit, sich auf tiefere Begegnungen und Recherchen einzulassen.» Der Kulturmanager und einstige Theatermann Philippe Bischof kennt diese Situation aus eigener beruflicher Erfahrung: «Kann das in dieser Form weitergehen?» Damit nimmt er eine Frage auf, die sich Kulturschaffende schon länger stellen.

Sinnvoller sei doch die Überlegung, was eine jeweilige Theater-, Musik- oder Tanzproduktion mit ihrem Kontext oder dem Ort ihres Entstehens zu tun habe, statt dass weltweit die immer gleichen Theatertruppen an den Festivals anzutreffen sind. «Das ist bezüglich Diversität und Ökologie fragwürdig und oberflächlich», konstatiert Philippe Bischof.

Nach der Auffassung des Pro Helvetia-Direktors sollen Kunst und Kultur insbesondere einen Beitrag an die Gesellschaft leisten. «Über Kultur handelt eine Gesellschaft ihre Werte aus, Kultur leistet einen zentralen Beitrag an Demokratie-Entwicklung.» Ein solcher Austausch aber bedinge ein Gegenüber, eine Öffentlichkeit und letztlich menschliche Nähe. «Nach der Distanz, die sich in der Krise im kollektiven Bewusstsein festsetzt, muss die Kultur Menschen wieder zusammen bringen», sagt Bischof.

Angemessene Bezahlung

Um diese demokratische Funktion erfüllen zu können, müsse darüber hinaus die Kultur auf einer soliden finanziellen Basis stehen. Wenn beispielsweise ein Museum bei jeder Ausstellung auf die Zuschauerzahlen schielen muss und kaum finanziellen Spielraum hat, so skizziert Philippe Bischof, dann fehle die Ruhe, um vertieft über das eigene Schaffen nachzudenken. «Diese Abhängigkeit vom ständigen Erfolg ist erschreckend» – eine Tatsache, die die Krise verschärft ins Bewusstsein rufe.

Und Bischof betont: «Über Geld sprechen ist keine Schande: Die ökonomische und die kulturelle Seite gehören zusammen.»

Während der derzeitigen Situation des Lockdowns zeigt die Kulturbranche «eine enorme kreative Präsenz im Internet», lobt Bischof. Aber die Tendenz, dort alles gratis zur Verfügung zu stellen, dürfe nur von kurzer Dauer sein. Neue Bezahlmodelle, wie Crowdfunding oder Plattformen mit der Möglichkeit zu spenden, hält Bischof daher für zentral. «Künstlerische Arbeit muss bezahlt werden – und zwar angemessen.»

Vor diesem Hintergrund – der Forderung nach fairer Bezahlung, der Frage nach Nachhaltigkeit und nach Mobilität – will Philippe Bischof die Ausschreibung «Close Distance statt Cultural Distancing» verstanden wissen: «Wir hoffen auf kreative Strategien mit neuen Arten der Kulturproduktion und -kommunikation».

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