Der Onlinhandel kommt vor lauter Bestellungen kaum mehr nach. (Symbolbild: Keystone)
International

Pandemie beschert Onlinehändlern so viel Arbeit wie an Weihnachten

Der Onlinehandel kommt in der Corona-Pandemie mit den Bestellungen kaum nach. Die Anzahl Aufträge sei gleich hoch wie an Weihnachten.

Der Onlinehandel läuft wegen der Coronavirus-Krise auf Hochtouren: Die Shops kommen den Bestellungen derzeit kaum hinterher. Der aktuelle Boom könnte der Verlagerung des Handels ins Internet auch längerfristig Schub verleihen.

Um das Coronavirus in Schach zu halten, hat der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» ausgerufen: Läden, die nicht dem Grundbedarf dienen, müssen geschlossen bleiben. Die Menschen sind aufgerufen, wenn möglich zu Hause zu bleiben.

Viele bestellen daher online: «Wir bekommen momentan so viele Bestellungen wie sonst kurz vor Weihnachten», sagt etwa Digitec-Galaxus-Sprecher Alex Hämmerli. Und sein Pendant bei der Brack-Gruppe Competec, Daniel Rei, ergänzt: «Nur, dass der Weihnachtstag nicht kommt: Also kontinuierlich viele Bestellungen».

Brack-Chef Roland Brack ging in einem kürzlich auf Instagram veröffentlichten Videointerview mit FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt sogar so weit, zu sagen: «Ich wünsche mir weniger Bestellungen».

Doch nicht alle profitieren vom Boom: Der Modehändler Zalando etwa – Branchenplatzhirsch in der Schweiz – hat seine Prognosen für dieses Jahr gekappt. Alleine das erste Quartal werde deutlich schlechter ausfallen als von Analysten zuletzt erwartet: Die europäischen Kunden hätten sich mit Käufen zurückgehalten und ihren Konsum eingeschränkt.

Kunden müssen sich gedulden

Dafür schiessen auch bei Händlern, für die ihr Ladennetz ein starkes Standbein ist, nun die Onlineaufträge hoch. Buchhändler Orell Füssli Thalia etwa berichtet dort von einem Plus von 50 Prozent.

Die Bestellflut hat auch Auswirkungen auf die Lieferzeiten: Bei Digitec-Galaxus dauert es etwa zwei Tage länger als üblich, bis die Bestellungen bei den Kunden ankommen. Bei Orell Füssli Thalia kann es zu Lieferverzögerungen von etwa drei bis vier Werktagen kommen. Und bei Ikea müssen Kunden bei der normalen Möbellieferung inzwischen mit 25 Tagen rechnen.

Auch die Lebensmittel-Shops werden derzeit von Bestellungen überhäuft: Die Bestellungen bei Coop@home hätten sich verdoppelt, sagt Coop-Sprecherin Marilena Baiatu. In den meisten Regionen seien die Liefertermine für mehrere Tage vollständig ausgebucht. Auch bei LeShop von der Migros gibt es Wartezeiten, und die auf regionale Lebensmittel spezialisierte Firma Farmy ist laut Angaben auf der Internetseite schon den ganzen April ausgebucht.

Das alles fordert auch die Schweizerische Post: Um etwas Abhilfe zu schaffen, hat sie bereits beim Bundesrat eine Sonderbewilligung beantragt – und erhalten, auch am Sonntag Lebensmittel zustellen zu dürfen. Zudem dünnt sie ihren Service aus, indem sie ihre Filialen teilweise schliesst und sich mehr Zeit bei der Beförderung lässt.

Flexibles Neueinteilen von Personal

Die Onlinehändler und ihre Logistikpartner sind also gefordert, ihre Kapazitäten schnell stark hochzufahren. Bei der Migros-Onlinehandelstochter Digitec-Galaxus etwa wurde die Logistik insgesamt mit über 200 neuen Arbeitskräften verstärkt. «Einen Teil davon leihen wir von Firmen aus, die wegen der Pandemie weniger oder gar keine Aufträge mehr haben», sagt Hämmerli.

Auch Brack hat über 50 Mitarbeitende in der Logistik rekrutiert und will weitere Personen einstellen. Da man nicht so viele Personen auf einmal einarbeiten könne, seien es etwa jeden Tag zehn neue, sagte Brack. Zudem habe man Nacht- und Sonntagsarbeit beantragt. Zur Entlastung habe man auch bestimmte Produkte wie WC-Papier aus dem Sortiment genommen. Zudem wurden Mitarbeitende aus anderen Abteilungen aufgeboten.

Gleich alleine durch interne Umstellungen konnten sich die Coop-Töchter Microspot und Coop@home organisieren. Beispielsweise helfen Angestellte, die sonst in den nun geschlossenen Läden der Microspot-Schwester Interdiscount tätig sind, nun im Onlinehandel aus.

Laut Thomas Lang von der Unternehmensberatung Carpathia Consulting haben die grösseren Shops nun insgesamt einen gewissen Vorteil: Sie seien auf solche Peaks besser vorbereitet, da sie an Black Friday oder Weihnachten einen ähnlichen Ansturm erlebten. «Nur wird dieser in der aktuellen Situation wohl noch länger andauern, und man hat sich nicht länger auf diese Kapazitäten vorbereiten können.»

Zusätzlicher Schub möglich

Ob der zusätzliche Boom im Onlinehandel auch über die Coronavirus-Krise hinaus anhält, ist noch offen. Es könne keine Voraussage gemacht werden, sagt Microspot-Sprecherin Sachs. «Ob nach der Wiedereröffnung des stationären Handels mehr Konsumentinnen und Konsumenten auf den Geschmack gekommen sind, bleibt abzuwarten», sagt auch Brack-Sprecher Rei. Brack rechne aber damit, dass sich die Situation wieder normalisiere.

Andere gehen zumindest von einer gewissen Nachwirkung aus: Galaxus etwa rechnet mit einem Nachhall-Effekt: «Vor allem viele ältere Schweizerinnen und Schweizer entdecken in diesen Tagen die Vorteile des Einkaufs im Internet», sagt Hämmerli.

Und auch Coop@Home erwartet, dass das seit Jahren gruppeninterne stärkste Wachstum des Lebensmittel-Shops durch die momentane Entwicklung zusätzlich verstärkt wird. Überhaupt hat der Onlinehandel von Lebensmitteln noch viel Potenzial: Laut kürzlich veröffentlichten Zahlen des Verbands des Schweizerischen Versandhandels (VSV) macht E-Commerce hier erst 2,8 Prozent des Gesamtvolumens aus.

Klar ist: Bereits seit längerem verlagert sich das Geschäft fortlaufend von den Läden in den Onlinehandel. «Die aktuelle Lage wird dieser Verlagerung mit Sicherheit einen zusätzlichen Boost geben», sagt E-Commerce-Experte Lang. Schub komme «vor allem von Käufern, die generell das erste Mal oder in zusätzlichen Sortimenten das erste Mal einkaufen und sich von der Einfachheit und Bequemlichkeit überzeugen konnten».

Für den Schweizer Handel sind dies aber keine schlechten Nachrichten. Dieser muss laut Lang nicht damit rechnen, nun Marktanteile an grosse internationale Player wie Amazon zu verlieren. «Mit Ausnahme von Fashion ist der Onlinehandel in der Schweiz stark in Schweizer Hand», sagt Lang.

Zudem hätten die neuesten Zahlen des Branchenverbands VSV ergeben, dass die Schweizer Onlinehändler zuletzt erstmals wieder Marktanteile zurückgewonnen hätten.

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