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Das «alte Gerüst» behutsam aufbauen

Benjamin Steffen verpasste 2016 in Rio de Janeiro als Olympia-Vierter im Degen-Einzel nur knapp eine Medaille.

Der heute 38-jährige Basler, in Brasilien mit dem Team zusätzlich noch Sechster, hatte seine Karriere stets mit den Olympischen Spielen 2020 in Tokio beenden wollen. Nun hängt der wertvolle Linkshänder des Schweizer Weltmeister-Teams von 2018 doch noch ein Jahr an.

Umplanung erforderlich

Steffen ist der erfolgreichste Schweizer Team-Fechter der letzten zwei Jahrzehnte. Der mit der ehemaligen Beachvolleyballerin Isabelle Forrer verheiratete Fecht-Veteran gewann beispielsweise schon 2004 an der Seite seines früheren Haupt-Trainingspartners in Basel, dem nachmaligen Olympiasieger Marcel Fischer, seinen ersten von mittlerweile vier Team-EM-Titeln. An Weltmeisterschaften holte Steffen mit der Mannschaft bislang sechs Medaillen, zuletzt deren fünf in Folge. Im Interview schildert er, welche Umplanungen Olympia 2021 in Tokio für ihn erfordert.

Benjamin Steffen, es ist jetzt eine Woche seit der Olympia-Verschiebung vergangen. Wie haben Sie diese mittlerweile verkraftet?

«Die Verschiebung hatte sich abgezeichnet. Wie ich reagieren würde, hatte ich mir schon im Vorfeld vorgestellt. Ich hatte die nächsten Schritte schon im Kopf.»

Was heisst dies konkret?

«Ich dachte, ich mache Olympia, gewinne die Medaille und höre auf. Ich hatte bereits eingeleitet, meine Arbeit als Sport- und Englischlehrer nach dem Sommer wieder hochzufahren. Jetzt muss ich halt wieder umplanen, auch mit dem Team. Das kostet natürlich alles auch Energie.»

Die Olympia-Qualifikation war für das Schweizer Team fast nur noch Formsache. Wie gross ist die Befürchtung im Schweizer Team, dass die bislang erzielten Resultate nur zu 50 Prozent oder vielleicht gar noch weniger zählen?

«Es stand nur noch ein Turnier für die Team-Qualifikation aus. Wir hätten schauen müssen, dass wir die Qualifikation noch sicherstellen müssen. Das wäre zwar nicht pauschal eine Formsache gewesen, doch es sah sehr gut aus. Wir hoffen, dass nun dieser Zwischenstand übernommen wird. Alle, die bis jetzt gut gefochten haben, sollten dafür belohnt bleiben. Und nicht die anderen nochmals komplett eine neue Chance erhalten. Das wäre nicht ganz fair. Gleichzeitig ist es natürlich schon so, dass die nächste Saison kein kompletter Leerlauf sein sollte. Deshalb muss man auch von anderen Szenarien ausgehen. Doch zuviel den Kopf darüber zerbrechen, bringt es definitiv nicht. Dann macht man sich nur selbst kaputt.»

Sie haben in den letzten Jahren auch Schmerzmittel einnehmen müssen, unter anderem wegen langwierigen Hüftproblemen. Ist eine Karriere-Fortsetzung um ein Jahr dennoch möglich?

«Die Hüfte ist glücklicherweise wieder gut. Dafür hatte es zuletzt Knieprobleme durch die Fechtbelastung gegeben. Ich muss einfach gut schauen, dass ich bei meinem Aufbau auf mein älteres Gerüst Rücksicht nehme. Ich werde alles geben, um den Körper optimal vorzubereiten, bis das eigentliche Fechttraining wieder los geht.»

Wie halten Sie sich aktuell fit?

«Ich kann die Kondition selbst mit Velofahren oder Joggen büffeln, solange dies noch erlaubt ist. Zudem habe ich Zugang zu einem privaten Kraftraum. Beinarbeit im Fechtsaal kann ich hier in Basel auch machen, da ich den Schlüssel habe.»

Und wirtschaftlich gesehen ist für Sie die Fortsetzung der Karriere um ein Jahr möglich?

«Dies bin ich im Moment auch am Abklären. Ich bin schon darauf angewiesen, dass die bisherige Unterstützung weitergeht.»

Welche Erfahrungen im Umgang mit dem Coronavirus haben Sie bislang persönlich als Fechter erlebt?

«Das Zweikampf-Fechttraining ist seit rund zweieinhalb Wochen für uns Nationalteam-Fechter ausgesetzt. Bei uns im Fechtsaal in Basel war dies schon eine Woche vorher der Fall gewesen. Persönlich ist mir kein infizierter Fechter bekannt. Aber im letzten noch ausgetragenen Weltcup in Budapest am 8. März sollen Fechter aus China und Südkorea infiziert gewesen sein, hatten wir nachträglich erfahren.»

Sie hatten mit dem Nationalteam unlängst ein Camp in Tenero abgesagt….

«Wir hätten dort als Nationalteam mit Selbst-Quarantäne-Vorbereitung ins Trainingslager gehen können. Doch wir entschieden uns dagegen. Bei der Anwesenheit von anderen Athleten, rund 80, sowie lokalen Mitarbeitern gab es einfach zu viele Unwägbarkeiten für uns.»

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