Wie verbreitet das Coronavirus in den Altersheimen Europas tatsächlich ist, bleibt weitgehend im Dunkeln, weil nicht überall getestet wird. (Symbolbild: Keystone)
International

Corona-«Zeitbombe» Altersheim

In ganz Europa häufen sich Meldungen über Coronavirus-Tote in Altersheimen. Kein Wunder - lebt dort doch eine Risikogruppe auf engstem Raum.

Vom bayerischen Würzburg über Madrid und Bergamo bis in die französischen Vogesen – von überall aus Europa häufen sich die Meldungen über Coronavirus-Tote in Altersheimen. Das ist nicht verwunderlich – gehören die Bewohner doch zur Risikogruppe, die hier auf engem Raum zusammenwohnt.

«Das führt zu einem Massaker»

«Wenn das Virus an diesen Orten auftritt, führt das unvermeidlich zu einem Massaker, wie das leider schon in verschiedenen italienischen Regionen passiert», beklagte die italienische Rentnergewerkschaft Spi-CGIL am Wochenende in drastischen Worten.

So sind allein in einem Seniorenheim im kleinen Ort Gandino nahe Bergamo in einer der am schlimmsten betroffenen Regionen Italiens 15 Bewohner an den Folgen des Coronavirus gestorben. Aus einem Würzburger Heim wurden neun Todesopfer gemeldet.

«Die Altersheime sind wahre Zeitbomben, 500’000 alten und sehr zerbrechlichen Menschen dort droht die Ansteckung», allein in Italien, fürchtet die Gewerkschaft. So gilt der hohe Anteil alter Menschen an der italienischen Gesamtbevölkerung als eine Erklärung für die hohe Zahl der Todesopfer in dem Land durch die vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. Diese lag am Montag bei mehr als 6000.

Vernachlässigung in Spanien

Auch aus Spanien werden Horror-Nachrichten gemeldet: Dort stiessen Soldaten bei Desinfektionseinsätzen auf «völlig sich selbst überlassene alte Leute, manchmal sogar auf Leichen in den Betten», wie Verteidigungsministerin Margarita Robles am Montag berichtete.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt – auch im Fall einer Seniorenresidenz in Madrid, in der in der vergangenen Woche 19 Leichen gefunden wurden. Insgesamt wurden in Spanien bereits dutzende Virus-Tote in Altenheimen gemeldet.

In Frankreich warnte der Verband der Altenheim-Betreiber in einem Schreiben an das Gesundheitsministerium, im Fall einer ungebremsten Ausbreitung des Coronavirus sei dort mit «mehr als 100’000 Todesfällen zu rechnen».

Die Zahl der Coronavirus-Toten in den Altenheimen des Landes steigt. So wurden aus einem Heim in den Vogesen im Nordosten Frankreichs am Montag 20 Todesfälle «in möglichem Zusammenhang mit Covid-19» gemeldet.

Die Armee hilft

In Spanien wurde inzwischen die Armee zum Desinfizieren in die Altersheime geschickt, privat betriebene Einrichtungen wurden unter Aufsicht der Regionalbehörden gestellt, um weitere Todesfälle möglichst zu vermeiden. Viele Länder Europas haben ausserdem das Besuchsrecht in Alten- und Pflegeheimen drastisch eingeschränkt.

«Für die Familien ist es sehr hart nicht zu wissen, was sich im Inneren abspielt», klagt die Französin Pauline, deren Mutter in einem vom Coronavirus betroffenen Pflegeheim nahe Paris lebt und nicht in der Lage ist zu telefonieren.

Für viele Angehörige ist die Situation umso angsteinflössender, da der Mangel an Schutzausrüstung wie Atemmasken in vielen Einrichtungen allgemein bekannt ist – mit entsprechenden Folgen für die Ansteckungsgefahr.

Wie verbreitet das Coronavirus in den Altersheimen Europas tatsächlich ist, bleibt weitgehend im Dunkeln, weil nicht überall getestet wird. In Frankreich etwa werden nach Angaben des Gesundheitsministeriums nur jeweils «die drei ersten Kranken in Gemeinschaftseinrichtungen für Risikopersonen» getestet. In Spanien immerhin sollen jetzt vorrangig die Senioreneinrichtungen von den hunderttausenden neu georderten Test-Kits profitieren.

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