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Der Telebasel News-Beitrag vom 23. März 2020
International

Schweizer Auswanderer erzählt – so lebt es sich aktuell in China

Ein Schweizer, der in China wohnt, erzählt im Interview, wie die Situation in China ist. Mit den Zuständen in der Schweiz sei dies nicht zu vergleichen.

Der Biologe Dr. Lukas Stingelin war ursprünglich in Therwil zu Hause. Seit 2011 wohnt er in China, genauer in Changsha. Hunan, die Provinz in der sich sein Zuhause befindet ist 400 Kilometer von Wuhan entfernt, dort, wo sich die erste Person mit dem COVID-19 Virus infizierte.

Lukas Stingelin arbeitet an der Universität in Hunan. Zusammen mit seiner Frau Ruoran Stingelin und ihren zwei Töchtern, erlebt er China im Ausnahmezustand.

Im Interview erzählt Lukas Stingelin aus seinem Alltag und erklärt, welche Massnahmen die chinesische Regierung in seiner Region getroffen hat.

Sie wohnen nur 400 Kilometer weg von Wuhan – wie ist die Situation in Ihrer Provinz Hunan?

Ich würde sagen, vorsichtig optimistisch. Die Schulen und Universtitäten bleiben weiterhin geschlossen. Gewisse Geschäfte öffnen wieder, die Büros füllen sich langsam wieder. Überall werden noch Temperaturkontrollen durchgeführt, beispielsweise bei Eingängen zu Wohnsiedlungen oder bei Einkaufszentren. Das normalisiert sich aber langsam ein wenig. Dazu kommt, dass man eigentlich immer Leute mit Masken sieht, wenn man draussen unterwegs ist. Ohne Maske wird man auch nicht in die Läden gelassen.

Sie haben bereits diese «Grosse Welle» der Pandemie hinter sich. Was kommt auf die Schweiz zu?

Wir wohnen zwar relativ nahe (400km) am Ursprung des COVID-19 Ausbruchs. Jedoch hatten wir bei uns in der Hunan Provinz während des Höhepunkts etwa 1’000 Fälle, es gab vier Tote. Unterdessen sind alle dieser Fälle wieder gesund und es wurde seit Wochen kein neuer Fall gemeldet. In der Schweiz ist diese Situation ganz anders, es gibt bereits jetzt über 8’000 Fälle, rechnet man das auf die Einwohneranzahl hoch, hat die Schweiz bereits jetzt über 100 Mal so viele Fälle, als das wir hier (Provinz Hunan Stand 2014: 67,37 Millionen Einwohner) überhaupt gesehen haben. Für eine Einschätzung, was auf die Schweiz zukommen könnte, müsste man sich eher der Situation in Italien annehmen.

In China gibt es keine inländischen Ansteckungen mehr, wirkt sich das bereits auf die Lebensumstände aus?

Ausser den Büros, öffnen auch spezielle Spitäler langsam wieder ihre Tore. Das Augenspital beispielsweise hat seit längerer Zeit wieder geöffnet. Der Verkehr normalisiert sich langsam wieder. Die Strassen waren während des Höhepunkts der Pandemie teils gänzlich leer. Das öffentliche Leben ist sich eigentlich wieder am Normalisieren.

Mit welchen persönlichen Einschränkungen müssen sie in China umgehen?

Für uns waren die Einschränkungen relativ mild. Während der stärksten Phase, waren lediglich nur noch Geschäfte, die der Grundversorgung dienen, geöffnet. Überall wurde die Körpertemperatur gemessen und es herrschte Maskenpflicht beim Einkaufen.

Ein wenig prekärer war, dass viele Ärzte aus ganz China zur Unterstützung nach Wuhan abgezogen wurden. Bei uns wurden ganze Spitäler geschlossen. Hatte man einen Notfall, wurde es sogar schwierig, eine Ambulanz zu finden, die einen in ein geöffnetes Spital bringen konnte.

In der Schweiz gibt es im Vergleich zu China kaum Leute, die eine Maske tragen. Was haben sie für eine Erklärung dafür?

Das ist etwas, das von Oben angeraten wurde. Ich würde trotzdem sagen, dass das Vertrauen in die Regierung nicht besonders gross ist, aber wenn eine Anweisung kommt, wird diese von der grossen Mehrheit auch eingehalten.

Zur Zeit der grössten Knappheit konnte man auch einmal pro Woche bei der Verwaltung fünf Masken pro Haushalt abholen.

Wie schützen Sie sich sonst? Gibt es besondere Hygienemassnahmen, sind diese vom Staat vorgegeben?

An die Privatpersonen ist vom Staat relativ wenig vorgegeben. Es wird, wie bereits gesagt, viel Körpertemperatur kontrolliert, an gewissen Orten herrscht Maskenpflicht. Die Verantwortung für solche Pflichten wird jedoch von den jeweiligen Lokalitäten selbst übernommen.

Für unsere Familie habe ich eigene Regeln und Rituale. Diese habe ich zum Teil auf den Rat der Gesundheitsämter hin, aber auch aufgrund von gesundem Menschenverstand getroffen. Wenn wir draussen spazieren gehen, ist eigentlich nicht viel anders, wir haben einfach Desinfektionsgel dabei, falls wir oder die Kinder etwas «Riskantes» anfassen.

Kommen wir zu Hause an, werden zuerst die Hände desinfiziert, die oberste Kleiderschicht wird abgelegt und bei der Haustüre gelassen. Danach werden die Hände erneut gründlich mit Seife gewaschen, sowie auch das Gesicht. Das Mobiltelefon wird mit einem Alkoholtuch gereinigt, Einkäufe oder Pakete von draussen werden auch abgesprüht. Das Verpackungsmaterial kommt nicht über die Türschwelle.

Eine kleinere Version dieses Rituals machen wir auch, wenn wir ins Auto steigen. Das Lenkrad und die Türgriffe reinigen wir ab und zu mit einem Alkoholtuch.

Wenn wir, wie beispielsweise beim Einkaufen, irgendwo drinnen sein müssen, tragen wir Masken und desinfizieren unsere Hände. Während dieser Zeit fassen wir uns nicht ins Gesicht und auch nicht an die Maske. Nach dem Einkauf, waschen wir unsere Hände und ziehen die Masken aus, das möglichst ohne die Aussenseite der Maske anzufassen. Die Maske landet nach dem einmaligen Gebrauch im Mülleimer.

Gibt es sonst noch etwas, was sie uns auf den Weg mitgeben wollen?

Ich glaube, in unserem Alltag kennen wir exponentielles Wachstum nicht wirklich. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, wieso einige Länder erst so spät mit restriktiven Massnahmen reagierten. Bei solch einem Wachstum kann eine derartige Situation schnell aus dem Ruder laufen. Sechstausend Fälle klingen nicht nach besonders viel, aber es braucht danach gar nicht besonders viel mehr, bis das Gesundheitssystem überlastet wird. Dann können auch leichtere Fälle nicht mehr behandelt werden. Und auch andere medizinische Notfälle, können dann nicht mehr behandelt werden.

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