Die Industrie in der Schweiz steht still. Der Kanton Tessin schloss seine Betriebe frühzeitig und sorgte für eine Kontroverse. (Symbolbild: Keystone)
Schweiz

Kurzarbeit und Schliessungen nehmen zu

Die Schweiz und ihre Industrie liegen wegen dem Coronavirus lahm. Der Kanton Tessin sorgte mit der frühzeitigen Schliessung der Betriebe zu einer Kontroverse.

Das Coronavirus lähmt die Schweiz zunehmend und greift auch stärker auf die Industrie über. Mit zunehmender Kadenz treffen Meldungen über Kurzarbeit oder gar Betriebsschliessungen ein. Für eine Kontroverse sorgt der Kanton Tessin mit der vorübergehenden Schliessung aller Industriebetriebe.

Die Zahl namhafter börsenkotierter Industriebetriebe, welche Kurzarbeit angekündigt oder bereits eingeführt haben, hat seit Donnerstag merklich zugenommen. Dazu gehören etwa der Automobilzulieferer Autoneum, die in der Komponentenfertigung und im Baubedarfshandel tätige SFS-Gruppe, der Westschweizer Verpackungsmaschinenhersteller Bobst oder der nicht an der Börse kotierte Flugzeugbauer Pilatus. Alleine bei Pilatus sind rund 1’000 Mitarbeiter davon betroffen.

Kurzarbeit haben aber auch Firmen wie der Flughafen Zürich, der damit die Liquidität sicherstellen will, und der Anbieter von Aussenwerbung APG angekündigt. Beim Baukonzern Implenia kommt es in der Schweiz, Deutschland, Frankreich sowie in Österreich zu Einschränkungen im Baustellenbetrieb. Teilweise werden die Baustellen unterbrochen, teilweise auch geschlossen.

Je nach Land wird Produktion ganz eingestellt

Je nach Anordnung der Behörden in den einzelnen Ländern müssen die Werke aber gleich ganz geschlossen werden. So hat etwa Autoneum nicht nur die Zeitmitarbeiter abgebaut und Kurzarbeit in der Schweiz und in einigen europäischen Ländern eingeführt. Darüber hinaus ist die vorübergehende Schliessung von Produktionen in den verschiedenen Regionen «analog zu jenen der Kunden» in Umsetzung.

Der Landmaschinen- und Anlagenhersteller Bucher Industries hat im wichtigen Absatzmarkt Frankreich bereits zwei Werke geschlossen und der Automobilzulieferer Feintool zieht Schliessungen in Betracht. Die Massnahmen der nationalen Gesundheitsbehörden würden bei Automobilherstellern in Europa und in den USA zu vorübergehenden Schliessungen der Werke führen, man sehe sich deshalb gezwungen «unter Umständen» diesen Schritt ebenfalls in Erwägung zu ziehen, hiess es dazu bei Feintool.

Und wenn die Firmen nicht über konkrete Massnahmen berichten, so warnen sie die Finanzgemeinde vor den negativen Auswirkungen der Krise auf das Ergebnis, wie etwa der Farbmetrikspezialist Datacolor. Die Folgen der Coronavirus-Pandemie würden Umsatz und Betriebsgewinn (EBIT) ungünstig beeinflussen, liess das Unternehmen ebenfalls bereits am Freitag wissen. Verkäufe und Auslieferungen seien weiterhin verzögert, obwohl das Werk in Suzhou/China nach der vorübergehenden Schliessung wieder zu 100 Prozent operativ sei.

Tessin prescht vor

Werden die Unternehmen nicht durch die einbrechende Nachfrage oder durch Beschlüsse der nationalen Regierungen gebremst, kommen in der Schweiz kantonale Vorgaben hinzu. So beschlossen die Tessiner Behörden, die Aktivitäten auf den Baustellen einzustellen sowie alle Industriebetriebe für mindestens die letzte Märzwoche zu schliessen.

Die Massnahmen des Tessin kamen in Industriekreisen indes nicht gut an. Der Dachverband der Schweizerischen Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie, Swissmem, bezeichnete das Vorgehen des Kantons als «Desavouierung des Bundesrates, welcher klar gesagt hat, dass die Industrie weiterarbeiten kann, wenn sämtliche Vorsichts- und Schutzmassnahmen des BAG eingehalten werden». Das sei «klar auch die Ansicht von Swissmem».

Ins gleiche Horn stiess der Schwesterverband Swissmechanic, der die Arbeitgeber der KMU in dieser Branche vertritt: Der Bundesrat habe klar gemacht, dass die Produktionsbetriebe nicht stillgelegt würden, sofern sie die Schutzmassnahmen des Bundes einhielten, hiess es dort in Richtung Tessin. Swissmechanic fordert die Produktionsbetriebe auf, «diesen Weisungen zwingend zu folgen» und damit Verantwortung zu übernehmen.

Müsste die Grosszahl der Produktionsbetriebe geschlossen werden, würde dies für unser Land und unsere Bevölkerung zum einen zusätzliche massive wirtschaftliche Probleme bringen, so Swissmechanic. Darüber hinaus brauche die Schweiz in der aktuellen Krisenlage Produktionsbetriebe, die funktionieren. Ohne produzierende Industrie würde die Versorgung der Bevölkerung zusammenbrechen und lebenswichtige sowie hygienerelevante Produkte und Geräte würden in den Spitälern und in den Haushalten fehlen.

Interroll beantragt Ausnahmebewilligung

Erste Reaktionen aus dem Tessin deuten darauf hin, dass sich die Unternehmen an die Weisungen halten. Die Produktion im Tessin stehe still, sagte ein Sprecher des Anbieters von Logistiktechnik Interroll auf Anfrage von AWP. Immerhin sei für einen Tag noch die Auslieferung der in der vergangenen Woche produzierten Güter erlaubt. Und dank Beständen in einem Lager in Luzern könne bis zu einer Woche Produktionsausfall überbrückt werden.

Dabei hatte sich Interroll mit Sitz in Sant’Antonino in der Magadinoebene am Freitag anlässlich der Publikation der Jahreszahlen noch zuversichtlich gezeigt und angekündigt, dass in Kürze neue Werke in allen Regionen den Betrieb aufnehmen würden und dass keine Kurzarbeit vorgesehen sei. Laut dem Sprecher hat Interroll beim Kanton bereits die Anfrage deponiert, die Produktion über eine Ausnahmebewilligung so bald wie möglich wieder aufnehmen zu dürfen. Das Unternehmen sieht sich als wichtigen Bestandteil im Bereich der Verteilung von Nahrungsmitteln und Getränken.

Auch beim Präzisionsmaschinenhersteller Mikron stehen die Räder im Tessin still. Das Unternehmen beschäftigt am Standort in Agno etwa 500 Mitarbeiter. «Gemäss Anordnung des Kantons sind unsere Werke im Tessin geschlossen, vorerst für eine Woche», sagte Finanzchef Javier Perez-Freije in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber AWP. Danach will das Unternehmen aber die bereits bestehende Kurzarbeit im Bereich Machining ausbauen. Neu sei zudem für den bisher von solchen Massnahmen verschonten Bereich Tools Kurzarbeit beantragt worden.

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