Trotz der Corona-Pandemie wollen viele Senioren nicht zuhause bleiben. (Symbolbild: Keystone)
Schweiz

Senioren bleiben nicht zuhause und Junge versuchen zu helfen

Viele Senioren tun sich schwer mit den Anweisungen vom Bund und bleiben nicht zuhause. Es besteht die Angst, dass die sozialen Kontakte wegfallen könnten.

Senioren über 65 fordert der Bundesrat wegen der Covid-19-Pandemie dringend zum Daheimbleiben auf. Das stellt viele von ihnen – vor allem Alleinstehende – vor grosse Probleme. Sozialkontakte können gänzlich wegfallen.

Manchen über 65-Jährigen ist der tägliche Gang zum Einkaufen oder der Café-Besuch eine liebgewordene Gewohnheit und ein Fixpunkt. Doch nicht nur das: Oft bildet diese Routine den einzigen täglichen Sozialkontakt für Seniorinnen und Senioren, wie Claudia Schweizer in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte.

Sie ist leitende Psychologin in der Universitätsklinik für Alterspsychiatrie und -psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) in Bern. Zuerst einmal hält sie fest, dass sich viele ältere Menschen vorbildlich an die Anweisungen der Behörden halten.

Tagesstrukturen geschlossen

Vielen ihrer Klienten erschwert die behördliche Aufforderung den Alltag aber beträchtlich. So sind bei den UPD in der Alterspsychiatrie alle Tagesstrukturen geschlossen. Insbesondere für demente Patienten fehlt damit die ambulante Tagesstruktur, was für Angehörige, die selber betagt sind, belastend sein kann.

So behelfen sich Schweizer und ihr Team derzeit mit Telefonaten oder in schwerwiegenden Fällen auch mit Hausbesuchen bei den ambulanten alleinstehenden Patienten, damit diese nicht in ein Loch oder in die Vereinsamung fallen. Diese Gefahr droht indessen nicht nur psychisch angeschlagenen Menschen.

Tagesstruktur erstellen

Auch Alleinstehende, deren soziales Leben plötzlich zusammenbricht, sind nicht davor gefeit, dass sie zuhause in eine Negativspirale geraten. Viele sozialpsychologische Strukturen würden fehlen, sagt Schweizer. Zudem verunsichert die aktuelle Situation und weckt Ängste. Da liegen grüblerische Gedanken nicht fern.

Um sich dem zu entziehen, rät Schweizer Seniorinnen und Senioren, sich an eine Tagesstruktur zu halten und den Alltag zu planen – halt ohne Einkaufsgang und Café-Besuch. Geplantes Handeln schützt vor Gefühlen des Kontrollverlusts und der Hilfslosigkeit.

Aufstehen zur gewohnten Zeit, Körperpflege und Anziehen seien schon einmal ein guter Anfang. Liegengelassenes lasse sich jetzt ebenfalls bestens erledigen. Die Tätigkeiten sollte man indessen dosieren und auch mit einer geplanten Kaffee- und Essenspause unterbrechen. Auch eine Lieblingssendung am Fernsehen oder im Radio helfe durch den Tag.

Rituale einhalten

Für ganz wichtig hält es die Fachfrau, den Kontakt zur Aussenwelt aufrecht zu erhalten. Dabei helfe ein tägliches Telefongespräch, auf das sich gerade Alleinstehende mit Bekannten oder Verwandten einigen sollten. Lang muss dieses Gespräch nicht dauern.

Findet es jeden Tag zur selben Zeit statt, sorgt es indessen auch für Struktur und Halt. Alleinstehende ohne nähere Bekannte könnten vielleicht mit jemandem aus der Nachbarschaft ein solches Gespräch vereinbaren. Oder Nachbarn könnten alleinstehenden älteren Menschen von sich aus ein solches Angebot machen.

Auch Telefonketten liessen sich einrichten. Die Pro Senectute lanciert derzeit eine. Überhaupt sind Rituale hilfreich, sagt Schweizer weiter. Jeden Tag zur selben Zeit einen Tee aufgiessen kann etwa ein solches Ritual sein.

Besuchsverbote belasten

Nicht zu unterschätzen sind die psychischen Folgen der Besuchsverbote in den Institutionen für Ältere. Ist bei Eheleuten etwa ein Partner in einem Pflegeheim, ist das Kontaktverbot schmerzlich. Selbstverständlich fehlen auch die Besuche von Kindern und Enkeln. Ausnahmen gibt es erst, wenn der Tod nahe ist.

Gerade Demente können durch ausbleibende Besuche in Stresssituationen geraten. Und auch Therapiefachleute haben keinen Zugang mehr. Auch hier rät Schweizer zum häufigen Telefonieren.

Hilfe mit Fingerspitzengefühl

Die grosse Solidarität und Hilfsbereitschaft im ganzen Land bewegen die Expertin. Sie hält aber fest, dass es vielen Vertretern der älteren Generation schwer fällt, Hilfe anzunehmen. Sie seien ihr Leben lang eigenständig gewesen und vielfach hindere das Gefühl zu stören, anderen zur Last zu fallen oder Scham sie daran, Hilfe anzufordern.

Darum braucht es seitens der Hilfswilligen ein gewisses Fingerspitzengefühl. Zwar bewegten sich viele Seniorinnen und Senioren äusserst agil im Internet. Wichtig ist es aber auch, an die Senioren zu denken, die nicht Zugriff aufs Internet haben, erklärt Schweizer.

Und gerade unter nicht vernetzten Menschen fänden sich oft diejenigen, die am meisten Hilfe bräuchten: Sozial schlechter Gestellte, in der Mobilität Eingeschränkte, Kranke. Ihnen gilt es laut Schweizer analog zu begegnen.

Sie empfiehlt etwa eine Papiernachricht im Briefkasten. Auf dem Papier sollten sich die Hilfswilligen vorstellen und ihr Hilfsangebot möglichst konkret darlegen. Zudem ist es gemäss der Gerontopsychologin auch nicht falsch, auf ältere Menschen zuzugehen. Derzeit wegen der Ansteckungsgefahr allerdings besser per Telefon.

Von Max Mohn, Keystone-SDA

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*