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Tausende Menschen nehmen am Donnerstagabend an einer Mahnwache in Hanau teil. (Bild: Keystone)
International

«Rassismus gab es in diesem Viertel nie»

Am Donnerstagabend versammelten sich in Hanau tausende Menschen zu einer Mahnwache. Am Mittwochabend erschoss ein Mann in der hessischen Stadt neun Menschen.
Seehofer: «Tat von Hanau rassistisch motivierter Terroranschlag»

Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat die Gewalttat von Hanau als rechtsterroristischen Terroranschlag bezeichnet und höhere Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland angekündigt.

Bei einer Pressekonferenz in Berlin sagte Seehofer am Freitag: «Die Tat in Hanau ist eindeutig ein rassistisch motivierter Terroranschlag». Es sei der «dritte rechtsterroristische Anschlag» in wenigen Monaten.

Generalbundesanwalt Peter Frank und der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, gaben zudem weitere Details zum mutmasslichen Täter bekannt. Demnach wird davon ausgegangen, dass er psychisch krank war.

«Hohe Gefährdung»

«Die Gefährdungslage durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus ist in Deutschland sehr hoch», sagte Seehofer. Wegen möglicher Nachahmungstäter, Wut und Emotionalisierung habe er mit den Innenministern der Bundesländer ein konkretes Vorgehen zum Schutz der Bevölkerung abgestimmt. «Wir werden die Polizeipräsenz in ganz Deutschland erhöhen. Wir werden sensible Einrichtungen verstärkt überwachen, insbesondere auch Moscheen.»

Seehofer kündigte an, dass die Bundespolizei die Bundesländer mit Personal und Sachausstattung unterstützt werde. «Und wir werden eine hohe Präsenz der Bundespolizei an Bahnhöfen, Flughäfen und im grenznahen Raum gewährleisten.»

Trauer und Wut in Hanau nach rassistischem Anschlag

Am Donnerstagabend versammelten sich tausende Menschen auf dem Marktplatz und den angrenzenden Strassen des Tatorts in Hanau. Freiwillige verteilten Kerzen für die Mahnwache. Angehörige halten Bilder der Verstorbenen in die Luft. Das Brüder-Grimm-Denkmal ist gesäumt mit Kerzen, Schildern und Blumen.

«Die Menschen, die da waren, kenne ich sehr gut», sagt ein Anwohner, der seinen Namen nicht nennen möchte. «Ich bin sprachlos und verstehe nicht, wie so etwas passieren kann.» Rassismus habe es in diesem Viertel nie gegeben. Menschen wie der 43-jährige Täter «kriegen Motivation durch die Erfolge der AfD», ergänzt der Mann.

«Ich bin zutiefst erschüttert», sagt Anwohnerin Anita Losch. Sie wohnt rund 300 Meter vom Tatort entfernt und hat die Schüsse gehört. Das Leben mit vielen unterschiedlichen Kulturen in der Stadt empfinde sie als Bereicherung, sagt Losch. Sie beklagt zugleich eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft.

Bei vielen mischt sich in die Trauer auch Wut auf die Politik. Während sich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) am Nachmittag am Heumarkt für die Welle der Solidarität bedankt, ruft ein Mann aus dem Hintergrund laut: «Was tun die Politiker für die Menschen? Gar nichts!»

Auch Losch ist wütend. «Die Mehrheit der Gesellschaft, die für Zivilcourage einsteht, gerät in den Hintergrund», sagt sie.

Gedenkminute an Berlinale und Aufruf zum Zusammenhalt

Zum Auftakt der Berlinale hat das Festival der Opfer des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau gedacht. «Die Ereignisse in Hanau gestern haben uns alle wirklich sehr betroffen gemacht», sagte die neue Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek am Donnerstagabend. Die Berlinale stehe für Toleranz, Respekt, Offenheit, Gastfreundschaft und wende sich «wirklich gegen Gewalt, gegen Rassismus», sagte Rissenbeek. Und: «Wir sind in unseren Gedanken bei den Opfern, bei den Familien in Hanau.»

Der neue Moderator Samuel Finzi hatte sich zuvor mit ernsten Worten an das Publikum gewendet: «Es ist egal, wie viele Gestalten wieder rückwärts marschieren (…), egal wie viele Schüsse fallen oder wie viele verwirrte Einzeltäter unsere offene Gesellschaft terrorisieren, bis die Politik endlich einsieht, dass wir vielleicht doch ein Problem haben mit Rechts.»

Auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zum Zusammenhalt auf, «Ich stehe vor Ihnen als Bundespräsident, als Bürger dieses Landes, als Mensch, der wie Sie und wir alle an diesem Abend um Worte ringt. Was geschehen ist, was hier in Hanau geschehen ist, macht uns fassungslos. Es macht uns traurig. Es macht uns auch zornig.»

Hunderte gedenken den Opfern in Hanau

Mehrere Hundert Menschen, darunter etliche prominente Politiker, haben am Donnerstagabend in Berlin am Brandenburger Tor der Opfer des Anschlags von Hanau gedacht. Sie bildeten eine grosse Menschenkette rund um das Tor. Einige hielten Kerzen in den Händen und legten Blumen an dem Bauwerk ab.

Vereinzelt waren Europaflaggen zu sehen. Auf einem Schild stand zu lesen: «Wir trauern um die Opfer von Hanau, Halle, Kassel, Mölln etc. Stoppt Hass und Hetze in den asozialen Medien».

Zuvor hatten sich rund 20 Politiker verschiedener Parteien an den Händen gefasst und eine Schweigeminute abgehalten. Zu ihnen zählten die beiden Bundes- und Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Annalena Baerbock und Katrin Göring-Eckardt, FDP-Chef Christian Lindner, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh. Danach gingen die Bundespolitiker geschlossen zum Bundestag zurück.

Hinweise auf eine «zutiefst rassistische Gesinnung»

Die deutsche Bundesanwaltschaft prüft nach der rassistischen Gewalttat von Hanau, ob der mutmassliche Täter Mitwisser oder Unterstützer für seinen Anschlag hatte. Dazu würden das Umfeld und die Kontakte des Mannes im In- und Ausland abgeklärt, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe.

Der mutmassliche Täter veröffentlichte laut Frank «eine Art Manifest» auf seiner Internetseite, das neben wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien auch Hinweise auf eine «zutiefst rassistische Gesinnung» enthalte.

Mutmasslicher Täter war 43-jähriger Deutscher

Bei dem mutmasslichen Täter von Hanau handelt es sich nach Angaben des hessischen Innenministers Peter Beuth (CDU) um einen 43-jährigen Deutschen aus Hanau. Die bisherigen Ermittlungen deuteten auf ein «fremdenfeindliches Motiv» hin, sagte Beuth am Donnerstag im hessischen Landtag in Wiesbaden.

Der Verdächtige war demnach weder dem Verfassungsschutz noch der Polizei bekannt.

Er soll am Mittwochabend in Hanau neun Menschen getötet haben. In seiner Wohnung fanden die Ermittler den Mann und seine 72-jährige Mutter tot auf, wie Beuth sagte. Es gebe keine Hinweise auf weitere Täter. Die Bundesanwaltschaft habe den «Verdacht einer terroristischen Gewalttat». Die Karlsruher Behörde hatte die Ermittlungen zuvor an sich gezogen.

Generalbundesanwalt übernimmt Ermittlungen

Nach mehreren Gewalttaten mit vielen Toten in Hanau hat der Generalbundesanwalt bereits in der Nacht die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falls übernommen. Das sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am Donnerstag.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur DPA sind Hinweise auf eine ausländerfeindliche Motivation des mutmasslichen Täters der Grund. Zuvor hatte der «Spiegel» berichtet.

Täter veröffentlichte kurz vor Tat Video

Der mutmassliche Täter von Hanau hat nach Informationen aus Sicherheitskreisen wenige Tage vor der Tat ein Video bei Youtube veröffentlicht.

In diesem Video spricht der Mann in fliessendem Englisch von einer «persönlichen Botschaft an alle Amerikaner». Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen, ins Netz gestellt wurde er vor wenigen Tagen.

Motiv bleibt unklar

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände «jetzt kämpfen». Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Das Motiv des Verbrechens mit insgesamt elf Toten blieb zunächst unklar.

Schule bleibt geschlossen

Nach dem schweren Gewaltverbrechen im deutschen Hanau mit insgesamt elf Toten hat Oberbürgermeister Claus Kaminsky den Opfern seine Anteilnahme ausgesprochen. «Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der Opfer. Ihnen gilt mein tief empfundenes Beileid», teilte er am Donnerstagmorgen auf Facebook mit.

Zudem teilte er mit, dass eine Schule sowie zwei Betreuungseinrichtungen für Kinder am Donnerstag nicht geöffnet seien. «Aufgrund der noch gesperrten Zufahrten und laufenden Ermittlungen bleiben die Heinrich-Heine-Schule und die Kinderburg und Kinderhaus West geschlossen», schrieb Kaminsky.

Polizei bittet um Mithilfe

Bekennerschreiben und Video zu Hanau gefunden

Nach mehreren Gewalttaten mit vielen Toten in der deutschen Stadt Hanau sind nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Bekennerschreiben und ein Video gefunden worden.

Beides werde nun ausgewertet, das Motiv sei noch unklar, hiess es am Donnerstag. Zuerst hatte die «Bild» darüber berichtet.

«Horrorszenario für uns alle»

Die deutsche Regierung hat bestürzt auf das schwere Gewaltverbrechen in Hanau mit bisher elf Toten reagiert.

«Die Gedanken sind heute morgen bei den Menschen in #Hanau, in deren Mitte ein entsetzliches Verbrechen begangen wurde», schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstagmorgen auf Twitter.

«Tiefe Anteilnahme gilt den betroffenen Familien, die um ihre Toten trauern», fügte er hinzu. Seibert äusserte die Hoffnung, dass die Verletzten bald wieder gesund werden.

Im hessischen Hanau wurden neun Menschen an zwei verschiedenen Orten erschossen. Stunden nach dem Verbrechen entdeckte die Polizei in der Nacht zum Donnerstag die Leiche des mutmasslichen Todesschützen in seiner Wohnung.

Dort fanden Spezialkräfte auch noch eine weitere tote Person. Die genauen Hintergründe für die aussergewöhnliche Gewalttat sind bislang unklar.

Patronenhülsen vor Döner-Imbiss

Vor einem Döner- Imbiss am Heumarkt lagen nach Angaben eines dpa-Reporters Patronenhülsen. Die Spuren wurden mit Farbspray markiert. Die Polizei sperrte den Tatort am Heumarkt weiträumig ab. Polizisten mit Maschinenpistolen sicherten die Umgebung.

Menschen standen in der Nähe der mit Flatterband abgesperrten Bereiche, einige weinten. Die Polizei forderte neugierige Passanten auf, den Bereich zu verlassen und sich in ihre Wohnungen und die Lokalitäten vor Ort zu geben.

Nach einem Bericht des Hessischen Rundfunks wurde zunächst eine Sisha-Bar am Heumarkt angegriffen. Augenzeugen sollen demnach von acht bis neun Schüssen berichtet haben.

Auch in der Karlsbader Strasse im Stadtteil Kesselstadt soll erneut in einer Shisha-Bar geschossen worden sein. Die Polizei bestätigte die Angaben in dem Medienbericht zunächst nicht.

Neun Tote nach Schüssen in Hanau

An zwei verschiedenen Orten seien gegen 22 Uhr am Mittwochabend Schüsse gefallen, meldete die Polizei. Dabei seien neun Menschen erschossen worden. Ein als tatverdächtig gesuchter Mann sei tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Zudem habe man in derselben Wohnung noch eine weitere Leiche entdeckt. Es gebe noch keine gesicherten Erkenntnisse zu den Hintergründen.

Ein Sprecher sagte, es könne sich um «eine Beziehungstat oder eine wahllos begangene Tat» handeln. Die Beamten machten keine Angaben zur Identität und Nationalität der Opfer.

Im Bereich Heumarkt wurden demnach drei Menschen getötet und mindestens eine Person schwer verletzt. Ein Polizeihubschrauber kreiste über der Stadt. Ein dunkler Wagen sei von dort davongefahren.

Ein weiterer Tatort liege am Kurt-Schumacher-Platz. Er befindet sich etwa zweieinhalb Kilometer vom Heumarkt entfernt im Stadtteil Kesselstadt. Dort kamen der Polizei zufolge fünf Menschen ums Leben.

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