Ricky van Wolfswinkel erleidet im Spiel gegen LASK eine Gehirnerschütterung und spielt dennoch 90 Minuten durch. (Bild: Keystone)
International

Wie gefährlich sind Kopfverletzungen im Fussball?

Fussball bergt Gesundheitsrisiken wie jede Sportart, doch welche Folgen können Kopfverletzungen verursachen? Ein Kommentar zur strittigen Debatte.

FCB-Stürmer Ricky van Wolfswinkel kehrt nach sechsmonatiger Verletzungspause im Spiel gegen den FC Zürich zurück, nachdem MRI-Untersuchungen ein lebensgefährliches Aneurysma festgestellt haben. Zuvor prallt der Stürmer im Spiel gegen LASK vom letzten August zweimal Kopf an Kopf mit einem Gegenspieler zusammen und muss mit einer Gehirnerschütterung ausgewechselt werden.

Ein paar Wochen später trifft es Neuverpflichtung Kemal Ademi, der im Cupspiel gegen Meyrin ebenfalls eine Gehirnerschütterung erleidet. Kopfverletzungen im Fussball sind ein ernstes Problem, das nicht ernst genug genommen wird.

Der Englische Fussballverband denkt laut «BBC» nun über ein Kopfball-Verbot im Kinderfussball nach. In den USA gilt ein Kopfball-Verbot bei Kindern schon länger. Die Gefahren von Langzeitschäden im Kontaktsport ist bei den US-Amerikanern ein viel grösseres Thema als in Europa.

Befürchtungen im American Football

Seit dem Film «Concussion», mit Will Smith in der Hauptrolle, geriet Football stark in die öffentliche Kritik der amerikanischen Medien. Smith spielt dabei den Arzt Bennet Omalu, der die degenerativen Hirnkrankheit CTE (Chronisch Traumatische Enzephalopathie) beim Autopsie-Bericht von mehreren ehemaligen NFL-Spielern festgestellt hatte. Die wiederholten Hirn-Schädel-Traumata können zu einer Atrophie in zahlreichen Bereichen des Gehirns führen, die CTE verursachen können.

CTE kann je nach Stadium unterschiedlich gravierende Konsequenzen nach sich ziehen: Kopfschmerzen, Konzentrationsdefizite, Charakterveränderungen, Depressionen oder starke Demenz sind mögliche Folgen.

Der Lieblingssport der Amerikaner erwies nach der Veröffentlichung des Films einen Rücklauf in der Juniorenabteilung. Auch die NFL reagierte mit verbesserten Regeländerungen, die Kopf-Kollisionen vermeiden sollte, was in den letzten Saisons zu einem Rückgang an Gehirnerschütterungen und Kopfverletzungen führte.

Beim leisesten Verdacht auf eine Gehirnerschütterung werden NFL-Spieler sofort aus der Partie genommen und von Neurologen geprüft. Wer jetzt denkt, Fussball ist nicht so gefährlich wie beispielsweise American Football in Sachen Kopfverletzungen, der täuscht sich.

Fussballrt genauso gefährdet

Im Fussball werden die Gefahren der Auswirkungen von Kopfverletzungen nicht so ernst genommen, wie bei anderen Sportarten. Ricky van Wolfswinkel hätte im Spiel gegen LASK spätestens nach dem zweiten Zusammenprall am Kopf ausgewechselt werden müssen.

Ein Spieler mit einer Gehirnerschütterung weiterspielen zu lassen, ist grob fahrlässig. Fussballer spielen öfter mit Kopfverletzungen weiter, als man vermuten mag. Das wohl berühmteste Beispiel ist das Champions League-Final von 2018:

Liverpool-Goalie Loris Karius prallt mit Sergio Ramos zusammen und zeigt sich benommen, spielt aber weiter. In der Folge geraten dem Torwart zwei grobe Fehler, die Real Madrid zum Sieg führen. Was sich nach der Partie herausstellt: Karius beendete die Partie mit einer Gehirnerschütterung und hätte ausgewechselt werden müssen.

England als europäischer Vorreiter

England möchte jetzt nun mit positivem Beispiel vorangehen und Kopfbälle im Kinderfussball verbieten. Ein wichtiger Schritt zur Prävention von Gehirnerkrankungen, die durch Kontaktsport verursacht werden können.

Nicht Kopfbälle an sich sind die grösste Gefahr, sondern die Kopfballduelle, bei denen zwei Spieler teilweise Schädel an Schädel zusammenprallen. Wenn ein Fussballer eine Partie trotz Gehirnerschütterung fortführt, kann ein weiterer Zusammenprall lebensgefährliche Folgen haben.

Kommentar von Sportredaktor Kim Realini

Als langjähriger Fussball-Torwart und American Football-Spieler sind Kopfverletzungen natürlich ein Thema, über das ich mir viele Gedanken gemacht habe. MMA oder Boxsportarten bergen zwar weitaus grössere gesundheitliche Risiken als Fussball oder Football, aber in beiden Sportarten gehören Kopfverletzungen dennoch zum Alltag.

Oft habe ich mich gefragt, ob ich das Footballspielen sein lassen sollte, wegen den möglichen Folgen von Gehirnschäden. Fussball sei doch sicherer. Als ich dann wieder auf dem Fussballfeld stand, merkte ich, dass Kopfbälle oder Eins-gegen-Eins-Duelle als Torwart, genauso Schläge auf den Kopf verursachen können.

Verheerende Kopfballduelle

Vor allem American Football hat den Ruf schlimme gesundheitliche Folgen zu haben. Ist Fussball aber weniger gefährlich in Sachen Hirn-Traumata?

Jein, natürlich sind bei beiden Sportarten unterschiedliche Position verschieden gefährdet. Kopfbälle sind auch weniger gefährlich als Helm-zu-Helm-Zusammenstösse wie im Football, aber verheerend sind Kopfballduelle, die den gegnerischen Schädel, anstatt den Ball treffen, wie im Beispiel Ricky van Wolfswinkels gegen LASK.

Solche Kopfballduelle gibt es durchschnittlich ein- bis zweimal pro Partie, also beinahe 100 Mal in einer Saison. Obwohl diese Zusammenstösse nicht immer eine Gehirnerschütterung verursachen können, die wiederholten Schläge an den Kopf schwerwiegende Folgen haben. Fussball ist in dieser Hinsicht genauso gefährlich wie Football oder Eishockey.

Missverständnis um CTE 

Müssen sich nun alle Profifussballer oder NFL-Spieler Sorgen, wegen Krankheiten, wie CTE machen? Nein, nicht zwingend. Viele Medien berichten von Studien, die sagen, dass Fussballer und andere Kontaktsportler einem grösseren Risiko von Demenz ausgesetzt sind. Andere Studien sehen keinen Zusammenhang zwischen Kontaktsport und verfrühter Demenz.

Die Wissenschaft fand in der Demenz-Frage im Kontaktsport noch kein klares Ergebnis. Fussballer, die berüchtigt für ihr Kopfballspiel sind, oder NFL-Spieler die ihren Helm als Spielobjekt vermehrt eingesetzt haben, sind jedoch definitiv einem höheren Risiko von CTE ausgesetzt.

Übertriebene Angstmacherei der Medien

Medien überbewerten gerne die Risikofaktoren in Sportarten wie Fussball oder Football. Auch die Annahme, dass Gehirnerschütterungen zu Krankheiten wie CTE führen, stimmt ebenfalls nicht ganz.

Es sind die wiederholten, leichten Stösse auf den Kopf, die zu CTE führen können, sofern die genetische Veranlagung für diese Krankheit vorhanden ist. Ebenfalls muss jeder Fall einer Kopfverletzung einzeln untersucht werden.

Wie bei jedem Leistungssport sollten sich die Profis jedoch auch hier den negativen Folgen bewusst sein. Sportler, die viele Stösse an den Kopf in ihrer Karriere abgekriegt haben, können CTE entwickeln, auch wenn die Anzahl Betroffener kleiner ist, als bisher angenommen.

«Concussion» – sachliche Dokumentation oder mehr Hollywood?

Der von Will Smith verkörperte Arzt Bennet Omalu im Film «Concussion» wird von anderen Neurologen und Hirnforschern oft kritisiert. Seine Definition von CTE würde von der Realität abschweifen. Omalu geniesst jede Aufmerksamkeit, die er bekommt und ist nicht nur Arzt, sondern auch Geschäftsmann. Er übertreibt gerne, um eine Extra-Gage einzukassieren.

Keineswegs möchte ich die gesundheitlichen Risiken im Profifussball verneinen oder herunterspielen. Kopfballstarke Spieler müssen sich bewusst sein, dass sie nach ihrer Karriere CTE entwickeln können, genauso wie es NFL-Spieler treffen kann, aber die Anzahl Betroffener ist weitaus geringer als das, was manche Medien oder Dr. Bennet Omalu behaupten.

Fahrlässiges Handhaben im Fussball

«Ich denke in 50 Jahren schauen wir zurück und sind schockiert, dass wir Kinder erlaubt haben Football, oder Fussball mit Kopfbällen zu spielen», meint der ehemalige Footballspieler, Harvard-Absolvent und Neurowissenschaftler Chris Nowinsky.

Das Problem im europäischen Fussball ist, dass im Gegensatz zur NFL Kopfverletzungen jedoch nicht gleich ernst genommen werden. Kopfbälle müssen aus dem Profisport nicht ganz verschwinden, aber Spieler, die sich nach einem Kopfballduell verletzen, müssen genauer untersucht werden und im Kinderfussball sollte komplett auf Luftduelle verzichtet werden.

Vieles im Leben ist mit Risiko verbunden und der Englische Fussballverband macht das genau Richtige: Risikofaktoren werden minimiert. Kinder sollten nicht mit dem Fussball- oder Footballspielen aufhören müssen. Die Sportart an sich muss sicherer gemacht werden und für Kinder entsprechend angepasst sein.

Dringende Massnahmen nötig

Europas Lieblingssport sollte dringend die Massnahmen verschärfen, um Verdachtsfälle auf eine Kopfverletzung früher zu erkennen, und dementsprechend zu behandeln.

Ganz Europa sollte dem amerikanischen Vorbild folgen und Kopfbälle im Kinderfussball verbieten, denn in einem Thema ist sich die Wissenschaft einig: Bei Kindern sind Schläge auf den Kopf gefährlicher als bei Erwachsenen, denn die Wahrscheinlichkeit deshalb degenerative Gehirnerkrankungen zu entwickeln, steigt, je früher ein Kind mit einem Kontaktsport beginnt, dem es Kopf-Kollisionen ausgesetzt ist.

Deshalb wird es höchste Zeit Kopfbälle im Kinderfussball zu verbieten, um kein unnötiges gesundheitliches Risiko einzugehen. Die Angst um Krankheiten wie CTE bleibt, aber die Liebe zum Ballsport bleibt grösser. Das ist auch gut so, solange keine unnötigen Risiken eingegangen werden und die Regeln konstant ein sichereres Spiel garantieren.

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