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Der Telebasel News Beitrag vom 17. Januar 2020.
Basel

«Dass es in der Schweiz keine Armut gibt, ist einfach nicht wahr»

Der Doku-Film «Im Spiegel» feierte am Donnerstagabend Basler Vorpremiere. Vor Ort waren die beiden Protagonistinnen Anna Tschannen und Lilian Senn.

Der Doku-Film «Im Spiegel» erzählt die Geschichte von vier Obdachlosen. Sie heissen Urs, Markus, Aaroldt und Lilan. Sie leben auf der Strasse, unter Brücken, nächtigen oft in Notschlafstellen und schlagen sich von Tag zu Tag aufs Neue durch.

Die Baslerin Anna Tschannen führt seit zehn Jahren einen mobilen Coiffeur-Salon. Dort schneidet sie Obdachlosen die Haare und hört zu. Der Doku-Film «Im Spiegel» zeigt Hoffnungslosigkeit, geplatzte Träume und tragische Schicksale, aber auch Dankbar- und Fröhlichkeit.

Der Trailer zum Film «Im Spiegel»:

(Video: Vimeo)

Tragische Kindheit, Burnout, obdachlos

Die Schicksale der vier Protagonisten stehen stellvertretend für viele Geschichten. «Ich oute mich jetzt, weil ich finde, dass wir irgendwann das Schweigen brechen müssen, dass es in der Schweiz keine Armut gibt. Das ist einfach nicht wahr», sagte Lilian Senn am Abend der Vorpremiere zu Telebasel.

Sie landete nach einer tragischen Kindheit und einem späteren Burnout auf der Strasse. Davor war sie eine «normale» berufstätige Mutter und Ehefrau. Mit ihrer Geschichte setzt sie aber auch ein Zeichen. «Ich möchte mit ganz normalem Haupt durch die Strasse gehen, ohne angepöbelt, ausgelacht, verachtet oder angespuckt zu werden.»

(Video: Telebasel)

«Nun sind die festen Verpflichtungen wieder da»

Senn lebte viereinhalb Jahre auf der Strasse, hat erst seit anderthalb Jahren wieder eine Wohnung. Während dieser Zeit habe ihr der Verein «Gassenarbeit Schwarzer Peter» sehr geholfen. «Sie bieten eine soziale Beratung an und sind mit anderen Institutionen gut vernetzt», sagte die ehemals Obdachlose. Geholfen habe ihr aber auch das Wohnheim der Heilsarmee.

Die 62-jährige Frau hat heute ein Dach über dem Kopf. Alles gut sei deswegen noch lange nicht alles. «Nun sind die festen Verpflichtungen wieder da. Die grösste Hürde für mich, ist die Krankenkassenprämie.» Da diese durch die Ergänzungsleistungen bezahlt werden, müsse sie «alle Karten auf den Tisch legen und sich emotional nackt ausziehen», so Senn.

Spiegel der Gesellschaft

Für Senn sind die Obdachlosen der Spiegel der Gesellschaft. «Wenn unser System so perfekt wäre, gäbe es keine Obdachlosen.» Sie möchte mit diesem Film die Missstände des Systems aufzeigen.

Das Schicksal der ehemaligen Obdachlosen ist nur eines von vielen weiteren Schicksalen, die der Basler Coiffeuse Anna Tschannen erzählt werden. Es ist ihr ein persönliches Anliegen, ihnen Zeit zu schenken, um ihre Geschichten zu hören.

Grosse Skepsis zu Beginn

Als Anna Tschannen gemeinsam mit Regisseur Matthias Affolter die Protagonisten für den Doku-Film «Im Spiegel» anfragte, war das teilweise schon seltsam. «Das war schon ein spezieller Moment, diese Frage zu stellen: ‹Lässt du dich filmen, während ich dir die Haare schneide? Erzählst du mir öffentlich deine Geschichte?›», so Tschannen.

Am Anfang hätten sie oft gesagt: «Warum soll ich, wenn es mir in dieser Situation so scheisse geht?» Doch mit der Zeit wäre das benötigte Vertrauen vorhanden gewesen und die vier hätten gerne mitgemacht.

Der Dokumentations-Film «Im Spiegel» von Regisseur Matthias Affolter läuft seit dem 15. Januar 2020 in der Deutschschweiz und ab dem 12. Februar 2020 in der Romandie im Kino.

3 Kommentare

  1. Viel Glück und alles Gute wünsche allen die an diesem Film mitgewirkt haben; es ist ganz genauso wie im Film::
    Sogar die eigene Familie vergisst den Menschen im verwandt-sein, ausser natürlich es ergibt sich eine Gelegenheit noch ein’s draufzuhauen, dann ist die Familie an erster Stelle.
    Zudem, wer einen Bruder hat der dich 11 Jahre ungezählte male zu töten versucht, der braucht sich vor nichts mehr im Leben zu fürchten:
    Kopf hoch Leute auf der Strasse, NIE AUFGEBEN!, würde erfordert kein Geld.Report

  2. Dass die Armut politisch von rechten und bürgerlichen gewollt wurde muss man hier auch erwähnen .Die Steuerflüchtlinge und die Grosskonzerne und Banken kriegen alles hineingeschoben während der brave Bürger jeden Rappen umdrehen mussReport

  3. Wieso denken schweizer eigentlich das wir in unserem Land keine armut haben versteh ich nicht denken die wirklich das es uns allen soooo gut geht die denken ja denen es nicht gut geht die sind ja selber schuld aber es ist so wir beklagen uns nicht es bringt ja e nichtsReport

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