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Der Telebasel Talk vom 14. Januar 2020. (Bild: Keystone)
Basel

Lukas Bärfuss, was prangern Sie in Ihrem neuen Theaterstück an?

Lukas Bärfuss erhielt den Büchner-Preis 2019. Seine Dankesrede beschäftigte die Medien tagelang. Jetzt zeigt das Theater Basel sein neues Stück.

Lukas Bärfuss scheint so etwas wie der fusioniert reinkarnierte Frischdürrenmatt für die Generationen Hippies bis Hipster geworden zu sein. Kürzlich bewarb sich das Magazin «Republik» über mehrere Tage auf Facebook damit, ihn interviewt zu haben.

Das Inserat ist voller Peitsche und Zuckerbrot für die linksakademische Schweizer Urban Bubble: wie Bärfuss die Politik der Linken in die Tonne trete (ui, was/wen meint er wohl?), warum die Grünen für Bärfuss nicht wählbar seien (waaasss?), wie Bärfuss schliesslich beim Thema Medien zusammenbreche (Hahaha, jawohl, er gibt es ihnen!).

Der heilige Zorn des Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss zeigt sich regelmässig in Essays oder bei TV-Auftritten als der vom heiligen Zorn Beseelte gegen rechtsnational, neoliberal, bürgerlich. Vielleicht stinkt ihm diese Rolle. Oder er fürchtet, als Vorbeter für sein Publikum am Ende zu dessen Nachbeter zu werden. So erklärte er im Interview etwa die Konzernverantwortungsinitiative oder das CO2-Gesetz für «Sandkastenspiele». Die Massnahmen hier gegen den Klimawandel seien eh bloss «für die Galerie». Politisch viel dringlicher sei die Sicherstellung der Altersvorsorge. Auch für ihn persönlich.

Nazi-Deutschland

Nun hat ihn, den Nichtakademiker, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit dem renommiertesten Literaturpreis, der im deutschsprachigen Raum zu erhalten ist, dem Büchner-Preis 2019 geehrt.

In seiner Dankesrede schoss Lukas Bärfuss auf den schwarzen Punkt der innerdeutschen Debatte: Deutschland habe sich gar nie entnazifiziert. Mehr «Peng» geht nicht.

Sexuelle Neurosen

Und dieser Lukas Bärfuss hat nun für das Theater Basel ein neues Stück geschrieben: Seine erste Dramatisierung eines Romanstoffs. Stendhals Klassiker heisst bei ihm «Julien – rot und schwarz». Premiere ist am Donnerstag, 16. Januar 2020, im Basler Schauspielhaus. (Was er dazu schreibt, siehe weiter unten.)

Dem Basler Theaterpublikum prägte sich Lukas Bärfuss bis anhin mit Grotesken oder grimmigen Komödien ein: «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» (2003, mit einer unvergesslichen Sandra Hüller in der Hauptrolle), «Alices Reise in die Schweiz» oder «Der Bus».

Im Talk vom 14. Januar 2020 spricht der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss ab 18:40 Uhr über sein neues Stück.

Lukas Bärfuss hat über sein Stück, seinen Julien, einen wunderbaren Text geschrieben (publiziert auf www.theater-basel.ch). Mit freundlicher Erlaubnis des Theaters geben wir ihn in voller Länge wieder:

«Julien ist klug, zart, schön. Der Vater schickt ihn zu den Pfaffen, damit sie ihn glattbügeln und er ihn verkaufen kann. Als Hauslehrer an den reichsten Mann im Dorf, den Bürgermeister. Seine Frau ist dreissig, aber schon tot. Gestorben an ihrer Ehe. Das Einzige, was sie ihm geben kann, ist ihr Körper. Er braucht jetzt eine Leiter, er braucht Intrigen. Er lernt schnell die Techniken der Täuschung. Dabei begegnet er dem Menschen, seiner Hinterlist, seiner Schwäche. Die Leute staunen über Julien. Er kann die Bibel auswendig hersagen. Er denkt schwer. Man hat ihn verkauft. Er ist beleidigt, er ist stolz, und er will nach oben. Er muss aus dieser Provinz verduften. Weg von dieser Frau. Er verschwindet in die Lichter der Hauptstadt, in das Haus eines Königsmachers. Seine Tochter sucht sich ein Spielzeug. Sie würde ihn vorziehen diesen Schwammköpfen, die vor ihr die Runde drehen, die Abkömmlinge sterbender Geschlechter. Er wird sich seine Ambitionen nicht ruinieren. Er wird kalt und kälter, bis das Eis seiner Zeit sein Herz ganz gefroren hat. Und damit hat er Erfolg. Der Marquis glaubt, ein Mann mit kaltem Blut wird ihm nützlich sein. Julien bekommt die Hand seiner Tochter. Und er wird bald seinen Kopf verlieren. Denn die Leidenschaft, dieses Übel, das heisse Blut, der Samen, der gleichzeitig Kinder und Rachsucht zeugt – die alten Geschichten, die ehrlichen Wunden in einem falschen Herz, oder die falschen Wunden in einem ehrlichen Herz, sie werden ihn den Kopf kosten, schon bald. Was bringt ihn um? Rache? Seine rohe Wut über den Verrat? Die Unmöglichkeit der Liebe? Hat er es verdient? Sein Schicksal? Julien will die Verräterin durch einen Schuss ins Herz aus der Welt der Sterblichen entfernen. Die Richter hätten es Julien vielleicht nachgesehen, wenn sein Opfer nicht den Altar mit seinem roten Saft beschmiert hätte. Brennende Herzen, heisse Küsse, Schüsse in einer Kirche! Der Kopf, der solchen Unsinn wälzt, gehört abgeschlagen».

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