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«Carlos»-Prozess: «Er bringt das System an die Grenzen und das System ihn». (Video: Keystone-SDA/Laura Zimmermann)

Schweiz

Verteidiger von «Carlos» fordert «ein Ende der Härte»

In Zürich steht am Mittwoch erneut der Straftäter «Carlos» vor Gericht. Der Prozess findet aber ohne ihn statt: «Carlos» weigerte sich, die Zelle zu verlassen.
Anwalt von «Carlos» fordert ein «Ende der Härte»

Während der Staatsanwalt den Zürcher Gewalttäter «Carlos» verwahren will, fordert der Verteidiger des 24-Jährigen “ein Ende der Härte”. Denn das mache bei «Carlos» alles nur viel schlimmer.

Leider hätten die Behörden im Umgang mit «Carlos» schon sehr früh den Kurs der maximalen Härte und Repression eingeschlagen. “Wir sehen, wohin das führt. Er geht in den Kampfmodus.”

Statt einer Verwahrung fordert der Anwalt deshalb lediglich eine normale Freiheitsstrafe. Danach sei «Carlos» in Freiheit zu entlassen. Dann könne er endlich seinen Traum verfolgen, nämlich ein erfolgreicher Boxer zu werden.

In der pinkfarbenen Arrestzelle

«Wir haben keine schweren Delikte zu bewerten», sagte der Anwalt weiter. Kein Tötungsdelikt, keine Vergewaltigung. «Carlos» müsse eine Chance erhalten, sich zu bewähren. Dies könne funktionieren, wie damals beim «Sondersetting». «Damals ging lange alles gut.»

Hinter Gitter landete «Carlos» damals wieder, weil er einem Bekannten mit einem Faustschlag den Kiefer brach. Mittlerweile seien die Fronten zwischen «Carlos» und den Behörden komplett verhärtet.

Wie mit «Carlos» umgegangen wird, bezeichnete der Anwalt als «unmenschlich und erniedrigend». Sein Mandant sitze seit einem Jahr in einer pinkfarbenen Arrestzelle. Er habe jegliches Vertrauen in den Justiz-Apparat verloren und befürchte immer das Schlimmste.

Das erste Mal mit der Justiz in Konflikt geriet «Carlos» im Alter von zehn Jahren. Damals stand er unter Verdacht, einen Brand gelegt zu haben.

«Carlos»-Prozess: Experten mit Latein am Ende

Am Mittwochmorgen begann der erneute Prozess um den Zürcher Gewalttäter «Carlos». Der Beschuldigte selbst weigerte sich, zum Prozess zu erscheinen. Der Staatsanwalt fordert aufgrund seiner Straftaten hinter Gittern seine Verwahrung.

(Video: Keystone-SDA/Laura Zimmermann)
«Carlos» erscheint nicht vor Gericht

Der Gerichtsprozess gegen den notorischen Gewalttäter «Carlos» muss ohne den Hauptdarsteller stattfinden: «Carlos» weigerte sich am Mittwochmorgen, seine Zelle zu verlassen und ins Gerichtsgebäude zu gehen.

Der Anwalt von «Carlos» stellte ein Dispensationsgesuch, weil der 24-Jährige in miserablem psychischen Zustand sei. Die Isolationshaft habe ihm schwer zugesetzt, eine Gerichtsverhandlung sei ihm nicht zuzumuten. Zudem habe er «schlicht Panik» vor dem Medienansturm.

Der Richter wollte dieses Dispensationsgesuch ursprünglich nicht genehmigen. «Wir wollten ihn sehen», sagte er bei Prozessbeginn. Das Gericht schickte deshalb die Sondereinsatzgruppe Diamant in die Strafanstalt Pöschwies, um «Carlos» abzuholen.

Anklageschrift umfasst 19 Vorfälle

«Carlos» muss sich wegen schwerer Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie Sachbeschädigung verantworten. Die Anklageschrift listet 19 verschiedene Vorfälle auf. Der Sachschaden, den der Kampfsportler dabei anrichtete, beläuft sich auf rund 40’000 Franken. Schlimmer sind jedoch die körperlichen und seelischen Schäden bei seinen Opfern.

Ein Gefängnisaufseher, der von «Carlos» massiv verprügelt wurde, musste danach in eine Psychotherapie. Sechs Männer waren nötig, um ihn von seinem Opfer wegzuzerren. Das Strafmass, das der Staatsanwalt verlangt, wird erst beim Prozess bekannt gegeben.

Ursprünglich sollte der Prozess in Dielsdorf stattfinden, weil die Strafanstalt Regensdorf, in der «Carlos» momentan einsitzt, im Bezirk Dielsdorf liegt. Aus Platzgründen wurde die Verhandlung aber ans Bezirksgericht Zürich verlegt. Der Prozess dürfte zwei Tage dauern. Das Urteil wird am 6. November eröffnet.

Um was es konkret geht

Der Fall «Carlos» begann am 25. August 2013: Das Schweizer Fernsehen SRF strahlte eine Sendung aus, in der der damals 17-Jährige Verurteilte unter dem Pseudonym «Carlos» vorgestellt wird. Wegen 34 Delikten wurde er bereits verurteilt und erhielt deshalb ein Sondersetting inklusive Boxtraining. Nach der Ausstrahlung entflammte eine hitzige Diskussion darüber, wie teuer die Behandlung, insbesondere mit dem Boxtraining, ist. Schliesslich wurde es abgebrochen.

In den vergangenen sechs Jahren verübte «Carlos» weitere Straftaten und wurde aufgrund seines aggressiven Verhaltens von Gefängnis zu Gefängnis verschoben.

(Video: Keystone-SDA/Laura Zimmermann)
Staatsanwalt fordert Verwahrung

Der Staatsanwalt fordert für den 24-Jährigen eine Freiheitsstrafe von 7,5 Jahren sowie eine Geldstrafe. Diese soll allerdings durch eine Verwahrung ersetzt werden, weil eine Freiheitsstrafe alleine ihn nicht disziplinieren könne.

Ein Gutachten attestiert ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit ausgeprägt psychopathischen Wesenszügen. Ohne Behandlung, auch medikamentöser Art, sagt ihm der Gutachter eine hohe Rückfallgefahr für Gewaltdelikte voraus – in zehn Jahren dürfte diese bei 100 Prozent liegen. «Carlos» dürfte massnahmefähig sein. Fraglich ist allerdings, ob er überhaupt bereit ist, sich therapieren zu lassen.

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Der Richter sagte weiter: «Für uns war dabei klar, dass wir ihn nicht ans Gericht prügeln wollen», sagte der Richter weiter. «Das Herbringen sollte ohne Taser oder Fesselung möglich sein.»

«Carlos» empfing die Polizisten jedoch mit lauter Musik und erhobenen Fäusten, zu einem weiteren Kampf bereit. Nachdem die Polizisten mit Reden nicht zu ihm durchdringen konnten, ging der Richter selber auch noch in die Zelle und versuchte, mit ihm das Gespräch zu suchen – allerdings erfolglos. «Er legte sich irgendwann hin und bewegte sich nicht mehr», sagte der Richter.

Der zweitägige Prozess wird deshalb ohne ihn stattfinden. Dies ist möglich, weil Beschuldigte ohnehin keine Mitwirkungspflicht haben und die Aussage verweigern können.

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