(Bild: Keystone)

Schweiz

SVP-Plakat: Viraler Hit oder Knieschuss?

Einmal mehr sorgt vor den Wahlen ein SVP-Plakat für Empörung. Ob diese Form der Aufmerksamkeit der Partei eher nützt, ist unter Profis umstritten.

Die SVP hatte das Sujet am Sonntag veröffentlicht. Es zeigt einen Apfel, der von Würmern zerfressen wird. Diese sind mit den Farben anderer Parteien gekennzeichnet, ein Wurm stellt die EU dar. Der Text dazu: «Sollen Linke und Nette die Schweiz zerstören?»

Auf Twitter gab es zahlreiche Reaktionen drauf, die meisten davon negativ. Viele erinnerten daran, dass die Bildsprache an nationalsozialistische Propaganda anknüpfe. Darstellungen aus dem NS-Blatt «Der Stürmer» mit Apfel und Wurm wurden zum Vergleich herangezogen.

Den politischen Gegner als «Gewürm» oder «Ungeziefer» darzustellen, sei einer demokratischen Partei nicht würdig, lautete der Tenor. Die Partei sei diesmal zu weit gegangen, finden manche, eine solche Darstellung dürfe man nicht kommentarlos hinnehmen. Andere schreiben, die SVP zeige nun ihr wahres Gesicht. Wiederum andere mahnen, nicht in die Falle zu tappen: Jede Reaktion auf die kalkulierte Provokation nütze der SVP.

Kalkulierte Provokation

Auch Kampagnen-Profis beurteilen die Frage nach dem Nutzen unterschiedlich. Mark Balsiger erinnert in seinem Blog an das Messerstecher-Inserat vor 25 Jahren. Das Muster sei stets dasselbe, schreibt er. Ein Leadmedium erhalte das Sujet exklusiv, andere Medien zögen sofort nach. Tausende teilten es reflexartig auf Facebook und Twitter.

«Jedesmal steht die Forderung im Raum, dass die Provokateure das Sujet zurückziehen. So hält sich das Thema über mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen. Es sind die Gegner der SVP, die mit ihren fiebrigen Reaktionen für eine enorme Reichweite sorgen. Das Muster funktioniert immer noch, die Gegner tappen wieder und wieder in dieselbe Falle, jedes Sujet geht viral durch die Decke.»

Von Problemen ablenken

Zwar gewinne die SVP mit dem Apfel-Würmer-Sujet am 20. Oktober kaum zusätzliche Stimmen, aber sie habe sich damit die Aufmerksamkeit geholt, schreibt Balsiger. Damit könne sie auch von drängenden Problemen wie Klimakrise oder Krankenkassenprämien ablenken. Der Aufstieg der SVP habe auch mit Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. «Keine andere Partei hat so früh und so konsequent die Medienlogik verinnerlicht.»

Campaigner Reda el Arbi kommt in seinem Blog zu einem anderen Schluss. Er sieht im Sujet einen «Knieschuss». Das Plakat stelle alle politischen Gegner als Gewürm dar, als Ungeziefer, stellt er fest. Es sei «NSDAP-Kommunikation in Reinform, nicht mal mehr angedeutet oder versteckt».

Geschenk an die Linke

Der konservative, bürgerliche Wähler der SVP dürfte sich durch dieses Plakat abgestossen fühlen, schreibt el Arbi weiter. «Die Querelen über die Ausrichtung der SVP belasten die Partei intern schon lange. Dies dürfte weitere Wähler von der Urne abhalten.»

Der normale rechtsbürgerliche Bauer, Handwerker, KMUler wolle keine Nazi-Plakate für seine Partei. Und nur mit Rechtsextremen liessen sich in der Schweiz zum Glück keine Wahlen gewinnen. «Noch nie hat der politische Gegner den Linken vor einer Wahl so stark geholfen», schreibt el Arbi. Negative Publicity gebe es durchaus. Das Plakat und die defensive Kommunikation des Parteipräsidenten lasse die Partei schwach und verzweifelt wirken.

Parteiinterne Kritik

Tatsächlich äusserten sich auf Twitter auch einzelne SVP-Politiker kritisch. Oft zitiert wurde der Zürcher Nationalrat Claudio Zanetti, der als Hardlinier gilt. «Das auf dem Bild sind weder Linke noch Nette. Das ist Gewürm, das man ausrottet», schriebt er auf Twitter und fragte: «Wer soll einen da noch ernst nehmen?»

Nationalratskandidat Michael Frauchiger von der SVP Zürich schrieb: «Lachen? Weinen? Schämen? Ich weiss es nicht! Ich zweifle an der Parteileitung der SVP je länger je mehr. Die Werbefirma muss m.E. ausgetauscht werden, inklusive derjenigen, die so etwas durchwinken und bezahlen!»

Kein Wurm für die BDP

Der Basler SVP-Kantonsrat Pascal Messerli findet das Plakat «schlecht und ungeschickt», der Schaffhauser SVP-Kantonsrat Pentti Aellig rief die Parteileitung mit Blick auf Listenverbindungen dazu auf, das Sujet zu stoppen. Manche Kommentatoren in den sozialen Medien äusserten den Verdacht, auch das gehöre zur Inszenierung.

Politiker anderer Parteien versuchten derweil, der Empörungsfalle mit einem anderen Ansatz zu entgehen. So schrieb BDP-Präsident Martin Landolt (GL) auf Twitter: «Mich wurmt am meisten, dass die gelb-schwarzen Würmer fehlen…»

Die Verantwortung für das Apfel-Sujet trägt der Berner Nationalrat Adrian Amstutz (BE). «Als Wahlkampfleiter trage ich die Verantwortung. Punkt», sagte er in einem Interview mit blick.ch. Die SVP wolle die direkte Demokratie retten. «Die Nazis machten genau das Gegenteil; sie haben (…) eine Diktatur errichtet.»

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