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Der Telebasel Talk vom 13. August 2019.

Basel

«Eine Schicksalsfrage für Europa und Nordafrika»

Statt bequem Wut und Lob an «Kapitänin Rackete» oder «Salvini» zu verteilen, sollte man besser Beat Stauffers neues Buch lesen. Das Thema ist zu wichtig.

Es war in der Sommerhitze das dominierende Schlagzeilen-Thema. Die deutsche Kapitänin Carola Rackete rettete 53 flüchtenden Menschen das Leben. Dazu missachtete sie möglicherweise italienisches Recht und legte ihr Schiff «Sea Watch 3» in Lampedusa an.

Zwischen ihr und ihrem Gegenspieler, dem italienischen, rechtsgerichteten Vize-Premier Matteo Salvini, der sich in Drohungen und Schmähungen über Kapitänin Rackete erging, verteilte das wohlgenährte, nur indirekt beteiligte Mitteleuropa seine wohlfeilen Zensuren.

Die beiden Personen kommen in Beat Stauffers Buch nicht vor. Dafür aber reichlich und relevanter Hintergrund zur Migration über das Mittelmeer. Es ist keine leicht verdauliche, öfters schmerzhafte, aber, wenn das Interesse echt ist, notwendige Lektüre.

Beat Stauffers dringliche Botschaft

Mit seinem Buch «Maghreb, Migration und Mittelmeer» zwingt uns Beat Stauffer nämlich, lieb gewonnene Vereinfachungen zum Thema mal hinter uns zu lassen. Dies meint die «Abschotter» aus dem politisch «rechten» Lager genau so wie diejenigen, die nach dem unbestreitbaren Gebot zur Menschenrettung keine weitergehenden Fragen zur Aufnahme von Flüchtenden vom afrikanischen Kontinent in Betracht ziehen möchten.

Der Basler Maghreb-Kenner nennt die Flüchtlingsbewegung «eine Schicksalsfrage für Europa und Nordafrika». Denn Beat Stauffer zeigt uns, wie komplex die Probleme in den Maghreb-Staaten Tunesien, Marokko, Algerien und weiteren sind, was wir damit zu tun haben und wie dringlich es für die europäischen Staaten wäre, konkret und präzis aktiv zu werden – auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene. Dabei sieht Stauffer uns Europäer in der Pflicht, ein neues Verhältnis zu den Maghreb-Staaten zu finden.

«Italien war für mich die Hölle»

Beat Stauffer informiert uns nicht nur über die Geschichte und politischen Verhältnisse, die Wirtschaft, Gesellschaften und Kulturen der Maghreb-Staaten, sondern führt uns auch an eine Reihe von Menschen heran. Er tut das unsentimental, aber mit vibrierender Aufmerksamkeit. Da ist etwa der Tunesier, der es nach Neapel schaffte, aber dort ins Elend des Lebens auf der Strasse und den Drogenhandel abrutschte – «Italien war für mich die Hölle».

Oder die verarmte Tunesierin, die sich für die Schleppergelder prostituierte, weil sie mit ihrem Salär die Familie nicht mehr durchbrachte, die Medikamente ihrer kranken Mutter nicht mehr bezahlen konnte. Nach einer Irrfahrt über das Meer nach Sizilien, in der die Menschen an Bord Todesängste ausstanden, wurde sie wieder rückgeschafft.

Gerammt von der Küstenwache, keiner trug eine Schwimmweste

Beat Stauffer schildert auch missglückte Fluchten. «Der Rumpf des alten Fischerboots ächzte, die Seitenwand barst und ein Wasserschwall drang ein. Aziz erinnert sich an die Schreie der Mitreisenden, die ins Meer geschleudert wurden und innerhalb kürzester Zeit ertranken. Keiner trug eine Schwimmweste, kaum einer konnte schwimmen.» Mohammed Aziz Khlifi überlebte als einer der Wenigen einen Zusammenstoss mit einer Fregatte der tunesischen Küstenwache. Nach der Kollision drehte das Schiff ohne Hilfe zu leisten ab.

«Erst mehrere Stunden später», so erzählt Aziz, «kehrte die Fregatte an den Ort zurück und den Schiffbrüchigen wurden Rettungsringe zugeworfen». Und Aziz will es trotzdem weiterhin versuchen, nach Europa zu gelangen.

Beat Stauffer bedient in seinem Buch aber keine Lust nach Drama oder Emotion. Immer bleibt er Reporter, observierend, thematisch orientiert.

Arbeitslosigkeit, Ehrbegriffe und Facebook

Wenn wir in Zeitungs-Reportagen mangels präziser Kenntnisse ratlos vor Begriffen wie der «Perspektivelosigkeit» junger Tunesier stehen, Stauffer macht sie plastisch und verständlich. Und in welchen Dilemmata diese «Harraga» leben zwischen flächendeckender Arbeitslosigkeit, dominierenden konservativen Ehrbegriffen (auch von «Männlichkeit»), kultureller und sozialer Öde und den oft falschen Vorstellungswelten von Europa; Tunesien, so schreibt Beat Stauffer, weist eine der höchsten Pro-Kopf-Nutzungen von Facebook und anderen sozialen Netzwerken auf.

Man versteht, wie die Sogwirkung, der Migrationsdruck existentiell wird – und wie realitätsfern wir mit der abschiebenden Kategorisierung «Wirtschaftsflüchtling» dastehen. Aber auch, welche Lebensumstände in den Maghreb-Staaten herrschen, wenn je nach Studie 50, 60 oder über 70 Prozent der befragten jungen Tunesier «abhauen» wollen. Für viele stellt der bewaffnete Dschihad eine attraktive Alternative dar.

Freier Journalist und Maghreb-Experte

Beat Stauffer (* 1953) arbeitet seit 1988 als freischaffender Journalist für verschiedene Medien (u.a. NZZ, Radio SRF), als Buchautor sowie als Referent und Leiter von Kursen und von Studienreisen in den Maghreb. Er schrieb ein Buch über Tunesien, lebte ein Jahr in Marokko und bereiste seit 1983 regelmässig alle Länder Nordafrikas.

Für Radio SRF berichtet Stauffer seit mehr als 20 Jahren über den Maghreb und von 2011 bis 2015 auch über die arabischen Aufstände. Islamistische Bewegungen im Maghreb und in Europa, Dschihadismus und interkulturelle Konfliktfelder sind seine Spezialgebiete.

Migranten erhalten eine Stimme

(Medientext) Die fünf Maghreb-Staaten bilden eine Art doppelten Schutzwall für Europa: in der Sahara und an der Küste des Mittelmeers. Sie verhindern zum einen die massenhafte Auswanderung ihrer eigenen Bürger nach Europa, zum anderen blockieren sie die Migration aus südlicher gelegenen Ländern.

In seinem Buch analysiert der Maghreb-Kenner Beat Stauffer das komplexe Phänomen der irregulären Migration aus dem und via den Maghreb. Er gibt Menschen auf der Flucht eine Stimme und stellt in Reportagen die Schauplätze der irregulären Migration vor.

Mohammed Aziz Khlifi (siehe Schilderung oben) ist einer von rund einem Dutzend Migranten, die im Buch von Beat Stauffer eine Stimme erhalten. Einigen ist es gelungen, europäischen Boden zu erreichen, andere sind gescheitert und wieder andere möchten in naher Zukunft aufbrechen. Nach gescheiterter Arabellion: In den Dschihad oder nach Europa?

Beat Stauffer stellt das komplexe Thema in einen grösseren Zusammenhang und blickt zu Beginn seines Buchs auf die letzten sechs Jahrzehnte zurück: «Während die europäische Wirtschaft noch bis in die 1980er-Jahre Arbeitskräfte aus dem Maghreb aktiv rekrutierte, wurde die legale Emigration spätestens seit der Unterzeichnung des Schengener Abkommens Anfang der 1990er-Jahre unmöglich gemacht. In der Folge emigrierten Hunderttausende junger Maghrebiner auf irreguläre Weise nach Europa».

Für kurze Zeit liess die Arabellion die Hoffnung auf bessere Verhältnisse in den Maghreb-Staaten aufkeimen. Doch die demokratische Erneuerung blieb aus und der Druck nahm noch mehr zu. «Dass ein Teil der klandestinen Migranten aus Tunesien bis vor Kurzem nur noch die Wahl zwischen zwei Optionen zu erkennen vermochte, nämlich zwischen der Ausreise in den Dschihad oder der irregulären Emigration nach Europa, macht die Lage für die europäischen Länder deutlich schwieriger.» Wenn sich junge Maghrebiner desillusioniert von Europa ab- und sich autoritär regierten Staaten zuwenden, werden sie nicht mit Sehnsucht auf das liberale Europa blicken, sondern mit tiefer Abneigung.

Im Dilemma zwischen Mitleidskultur und Verantwortungsethik

Europa sollte den jungen Menschen in den Maghreb-Staaten deshalb «neue Fenster öffnen und legale Formen der Migration zulassen». Beat Stauffer meint damit beispielsweise Visa für Studienzwecke oder Kontingente für Arbeitsmigranten. Er fordert zudem, «Formen der zirkulären Migration voranzutreiben, bei der die Betroffenen ein paar Jahre in Europa verbringen können, dann aber in ihre Herkunftsländer zurückkehren müssen». Ein wichtiger Faktor ist Stauffers Auffassung nach ein stärkeres wirtschaftliches Engagement im Maghreb. Europa sollte ein vitales Interesse an guten Beziehungen zu den Maghreb-Staaten haben, den «direkten Nachbarn im Süden».

Beat Stauffer stellt in seinem Buch individuelle menschliche Aspekte anhand der eingangs erwähnten Porträts und in Reportagen von mehreren «Schauplätzen der irregulären Emigration dar; Orte, die der Autor alle persönlich und zum Teil mehrfach besucht hat» vor. Stauffer hat den Ehrgeiz, «nahe an das Thema heranzugehen und auch die Schwierigkeiten und Dilemmata, denen sich ein europäischer Autor dabei aussetzt, zu thematisieren», schreibt er im einleitenden Kapitel zur Aktualität und Brisanz des Themas.

Rudolf Strahm präzisiert im Vorwort: «Viele Zeitgenossen sind angesichts der Asylströme hin- und hergerissen zwischen Humanität und Realität. Sie stecken unerlöst im Dilemma zwischen gelebter Mitleidskultur (Gesinnungsethik) und der Einsicht in die langfristigen Folgewirkungen für die Gesellschaft (Verantwortungsethik)».

Die Migration aus Nordafrika stellt Europa und die Maghreb-Staaten vor riesige Herausforderungen. «Dieses Buch möchte auch Lösungsansätze präsentieren», schreibt Stauffer und räumt ein, dass er sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt hat. Seiner Ansicht nach ist es «offensichtlich, dass die bisherige Migrations- und Asylpolitik dem Maghreb gegenüber in eine Sackgasse geraten ist. Neue Ansätze müssen her, die sowohl die Bedürfnisse und Interessen Europas als auch diejenigen des Maghreb berücksichtigen. Es braucht, mit einem Schlagwort, Migrationspartnerschaften, die diesen Namen verdienen.»

Sollte es Europa nicht schaffen, ein neues Verhältnis zu seinen Nachbarn am Südrand des Mittelmeers zu finden, befürchtet Beat Stauffer lang anhaltende Konflikte. «In diesem Sinn ist die Regelung der Migrationsbewegungen im Mittelmeerraum eine Schicksalsfrage für Europa.»

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