Der Nuggi wird 70 Jahre alt.

Schweiz

Vom schnapshaltigen Sauglappen zum kiefergerechten Babyschnauz

Vor 70 Jahren wurde in Deutschland der Nuggi erfunden. Doch der hatte viele Vorgänger. Es könnte einem beim Vergleichen glatt den Nuggi aus dem Mund hauen.

Will man Albrecht Dürer glauben, hatte schon das Christuskind einen Nuggi: Auf dem Gemälde «Madonna mit dem Zeisig» (1506) hält das Jesulein ein Lutschbeutelchen in der Hand, wie es vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert in Mitteleuropa als Beruhigungssauger verbreitet war: ein zusammengebundener Zipfel Stoff, gefüllt mit Zucker, süssem Brei, Honig, manchmal auch Mohnsamen und oft getränkt in Laudanum, einer alkoholhaltigen Opiumtinktur.

Die Verabreichung solcher Schnuller erfüllt nach heutigem Verständnis den Tatbestand der Kindsmisshandlung: Nuckelläppchen waren Brutstätten für Keime, ihr süsser Inhalt zerstörte die Zähne, sobald sie da waren, und das Laudanum machte die Kindchen nicht nur groggy, sondern auch drogenabhängig. «Die Zuller sind eine Pandorenbüchse, worin Stoff zu unzähligen Krankheiten enthalten ist», warnte schon 1803 der Kinderheilkundler Friedrich Jahn.

Wilhelm Buschs «Der Schnuller»

Welche Unbilden einem Kleinkind mit so einem Lutschbeutelchen noch so alle widerfahren konnten, erzählte Wilhelm Busch 1863 in seiner Bildergeschichte «Der Schnuller»: Weil Mutter Waschtag hat, wird der kleine Willi im Garten deponiert und mit einem süss gefüllten Sauglumpen ruhiggestellt. Mit der Ruhe ist es indes nicht weit her: Ein Hund klaut Willi den Nuggi, ein anderer schleckt dem Baby die Breirückstände vom Gesicht.

Eine Wespe vertreibt die Tölen, kann sich aber auch nicht lange am Schnuller laben. Denn «Grossmutter kommt allhier und kehrt hinweg das Stacheltier». Schliesslich klemmt sich Oma den Enkel und den Lutscher untern Arm, packt Willi ins Bettchen und gibt ihm seinen hundegeifergetränkten Trostsauger zurück. Wohl bekomms, kleiner Willi!

Der «Wonnesauger»

Etwas hygienischer als das Nuckelläppchen waren seine Vorläufer: Die alten Ägypter sollen ihre Kleinen schon vor 4500 Jahren mit süss gefüllten tönernen Saugtöpfchen beruhigt haben. In der Antike gab man diesen «Schnullern» das Aussehen von Tieren. In einer grossen Öffnung am Hinterteil wurde der Brei eingefüllt, durch die Nasenlöcher des Tierchens saugte das Baby ihn heraus.

Die Geburtsstunde der Nuggis in der ungefähren heutigen Form schlug um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als der sogenannte «Wonnesauger» die Kinderzimmer eroberte: Er bestand aus schwarzem Kautschuk, war aber auch in gebleichtem Weiss erhältlich und enthielt dann giftiges Blei.

Immerhin besser als der Daumen

Diese harten Nuggis führten – wie das Daumenlutschen – zu Zahnfehlstellungen, beobachtete der Zahnmediziner Wilhelm Balters. Daher entwickelte er 1949 zusammen mit seinem Kollegen Adolf Müller den ersten «natürlichen und kiefergerechten Beruhigungssauger und Kieferformer». Aus «natürlich und kiefergerecht» wurde 1956 das marktreife Produkt NUK.

Balters und Müller hatten festgestellt, dass Kinder, die lange gestillt wurden, selten Zahnfehlstellungen aufwiesen. Daher entwickelten sie einen Schnuller, der genauso weich und formbar sein sollte wie die Mutterbrust. Aus einem Beruhigungsmittel wurde ein kieferorthopädisches Gerät.

YB-Nuggi und Babyschnauz

Ob der Nuggi ein Gottesgeschenk oder des Teufels ist, darüber streiten sich Eltern und Experten seit Jahrzehnten. In der Schweiz werden pro Jahr rund 1,5 Millionen Stück verkauft. Der Absatz ist leicht rückläufig, trotz immer neuer Modelle. Schnuller mit den Logos von Fussballmannschaften werden ebenso angeboten wie welche mit Schnauz und Hasenzähnen.

Eine besonders bizarre Mode entwickelte sich Mitte der 1990er-Jahre, als der Erwachsenennuggi in der Techno-Szene auftauchte. Aussenstehende hielten es für eine prätentiöse Spinnerei, Insider aber wussten, dass die Sache einen tieferen Sinn hatte: Ecstasy führt offenbar zu Zähneknirschen und anderen unkontrollierten Aktionen der Gesichtsmuskulatur. Der Nuggi verhinderte, dass sich die zugedröhnten Technofreaks beim Tanzen in Lippen und Zunge bissen.

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