Nora Bader, stellvertretende Leiterin News bei Telebasel, mit einem Kommentar zum Frauenstreik. (Bild: Telebasel)

Basel

«Gleichberechtigung hat mit gesundem Menschenverstand zu tun»

Nora Bader, stellvertretende Leiterin News bei Telebasel, demonstriert, weil nur das Gespräch zu suchen manchmal schlichtweg nicht reicht.

Telebasel hat mehrere Frauen aus der Region gebeten, über das Thema «Frauenstreiktag 14. Juni» ihre Meinung zu schreiben. Die Meinung muss sich selbstverständlich nicht mit der Redaktionshaltung decken. Ziel dieser Aktion ist der öffentliche Dialog. Nora Bader ist stellvertretende Leiterin News bei Telebasel. 

97 Minuten lang musste ich immer wieder aufsteigende Tränen der Wut unterdrücken. 97 Minuten, so lange dauerte der Schweizer Film «Die göttliche Ordnung». Es geht darin um eine junge Frau, die sich gegen die gängigen Normen der damaligen Gesellschaft auflehnt, arbeiten und ihre Träume verwirklichen will. Das stellt sich als harter Kampf heraus. Offensichtliche Diskriminierung aufgrund des weiblichen Geschlechts und die Verzweiflung der Hauptprotagonistin ziehen sich als roter Faden durch den Streifen. Wütend machte mich in erster Linie der Gedanke, dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau heute zwar etwas vorangeschritten, noch lange aber nicht in allen Punkten erreicht ist.

«Die Gleichstellung zwischen Mann und Frau ist noch lange nicht in allen Punkten erreicht»

Der Film spielt 1971 in einem kleinen Appenzeller Dorf, das sich in eben diesem Jahr am 7. Februar knapp für das Frauenstimmrecht ausgesprochen hatte. Die Schweiz war fortan eines der letzten Europäischen Länder, die Frauen Bürgerrechte zugestanden. Meine beiden Grossmütter waren im Jahr 1971 um die 35 Jahre alt, etwa so alt also wie ich heute. Beide haben sie als junge Frauen gearbeitet, was für die damalige Zeiten unüblich war. Und sie haben gekämpft. Für die Familie, aber auch für Gleichbehandlung, Respekt, Anerkennung und vor allem für ihre Töchter und Enkelinnen, die es einmal besser und einfacher haben sollten.

«Meine Grossmütter haben gekämpft, dass wir es besser haben»

Wenn ich mir nun überlege, dass am 14. Juni 2019, fast 50 Jahre später, Frauen zwar arbeiten «dürfen», noch immer aber grosse Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau bestehen und Frauen so oft gar keine Wahl haben, ob sie arbeiten oder zu Hause die Kinder versorgen wollen, dann macht mich das einfach nur wütend. Ich will nicht, dass meine Enkeltochter in 50 Jahren einen Film über das Jahr 2019 schaut und aus Wut weinen muss, weil sich für sie im Grunde noch immer nicht viel verändert hat.

«Das macht mich einfach nur wütend»

Die Forderungen des Frauenstreiks haben auch absolut nichts mit einer Opferrolle zu tun, in die sich Frauen angeblich flüchten, wie von Streikgegnern immer wieder gerne behauptet wird. Vielmehr geht es um gesunden Menschenverstand: Gleichberechtigung, die schlichtweg noch nicht in allen Belangen erreicht ist. Ich kann in meinem Umfeld zwar etwas bewirken, indem ich das Gespräch suche und mich für die Rechte der Frau einsetze. Aber das allein reicht nicht, wie schon die Geschichte meiner Grossmütter gezeigt hat. Deshalb mache ich mit beim Frauenstreik vom 14. Juni 2019.

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