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Basel

Frauenstreik: «Es braucht nochmals einen Schub»

Noch immer traut man Männern mehr zu als Frauen. Auch darum brauche es den Frauenstreik, sagt Anita Fetz.

Telebasel hat mehrere Frauen aus der Region gebeten, über das Thema «Frauenstreiktag 14. Juni» ihre Meinung zu schreiben. Die Meinung muss sich nicht mit der Redaktionshaltung decken. Ziel dieser Aktion ist der öffentliche Dialog. Den Anfang machte Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin CVP BL und Präsidentin der Handelskammer beider Basel. Darauf antwortete ihr die Basler Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach. Auf sie folgte eine Kolumne von SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger. Nun schreibt die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz.

«Was soll eigentlich dieser Frauenstreik, werde ich oft gefragt. Ihr habt doch die gleichen Rechte: ihr könnt Bundesrätin, Professorin, ja sogar Kampfpilotin werden und euer Lebensmodell selbst bestimmen mit und ohne Kinder, wie ihr wollt. Stimmt. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Und darum werden viele Frauen am 14. Juni streiken. Denn sie kennen ganz persönlich die anderen Teile der Wahrheit.

Die Diskriminierung verläuft heute viel subtiler.

Empörend ist die immer noch bestehende Lohnungleichheit. Zwar beträgt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau ‹nur› noch 7-9 % weniger für die gleiche Arbeit. Doch das macht je nach Lohn ein paar Tausend Franken aus im Jahr. Und im Alter ein paar Hundert Franken weniger Pension pro Monat. Heute diskriminiert kaum mehr ein Arbeitgeber Frauen aktiv. Dies verläuft viel subtiler. Es sind die tief in uns und in der Gesellschaft verinnerlichten Rollenbilder, die unbewusst Leistungen von Frauen anders bewerten als die gleichen von Männern.

Das berühmte John/Jane-Experiment hat das schon lange für alle Branchen und für viele Länder nachgewiesen. Studenten und Studentinnen wurde ein Anforderungsprofil für eine Führungsposition vorgelegt zusammen mit einer ausführlichen Bewerbung: einmal kam diese von John und einmal von Jane. Die beiden Bewerbungen waren haargenau gleich. Sowohl die Studenten als auch die Studentinnen bevorzugten mehrheitlich jene von John. Man traute ihm den Führungsjob eher zu. Dasselbe Muster funktioniert bei den Löhnen und darum sind IT-basierte obligatorische Lohnkontrollen so wichtig. Nur sie können solche Wahrnehmungsverzerrungen korrigieren.

Viele gut qualifizierte Mütter arbeiten nur geringe Teilzeitpensen.

Eine grosse Barriere für die Gleichberechtigung ist die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die meisten Paare wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft und leben diese auch – oft nur bis zum ersten Kind, dann wird es schwierig. Denn die Schweiz ist in dieser Hinsicht ein ‹Hinterwäldler›-Land. Zunächst fehlt ein anständiger Elternurlaub, dann sind die Kitas oft zu teuer und zu unflexibel, Tagesschulen gibt es wenige und das Steuersystem diskriminiert Zweiverdiener-Ehepaare durch die gemeinsame Veranlagung.

Diese Kombination führt dazu, dass viele gut qualifizierte Mütter nur geringe Teilzeitpensen arbeiten, weil der Mehrertrag eines höheren Pensums bloss weggesteuert wird. Dies muss sich endlich ändern, sonst wird die Wirtschaft noch lange vergebens nach inländischen Fachkräften rufen. Auch die heutigen Väter wollen Zeit für ihre Kinder haben und mal Teilzeit arbeiten können. In meinem langen Berufsleben habe ich viele Männer getroffen, die unter ihrer einseitigen Ernährerrolle gelitten haben. Ein partnerschaftliches Familienmodell bringt auch den Vätern mehr Freiheit.

Damit all das und noch einiges mehr verwirklicht wird, braucht es den Schub des Frauenstreiks. Denn wie sagte Simone de Beauvoir so treffend: ‹Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts›. Dies gilt heute noch.»

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