Franziska Schutzbach: Frauen sind oft im Privaten unsichtbar, (Foto: zvg)

Basel

«Das Reklamieren des öffentlichen Raums ist besonders wichtig»

Der Frauenstreik ist notwendig: Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach antwortet CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter.

Telebasel hat mehrere Frauen aus der Region gebeten, über das Thema «Frauenstreiktag 14. Juni» ihre Meinung zu schreiben. Die Meinung muss sich selbstverständlich nicht mit der Redaktionshaltung decken. Ziel dieser Aktion ist der öffentliche Dialog. Den Anfang machte Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin CVP BL und Präsidentin der Handelskammer beider Basel. Nun antwortet ihr die Basler Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach.

In ihrer Kolumne zum oder vielmehr: gegen den Frauenstreik warnt CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter vor dem «Gang auf die Strasse», vor «pöbelhaften Massen» und vor «Populismus». Frauen hätten einen Streik nicht nötig, sondern sollten andere Methoden benutzen, um wichtige Positionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu erhalten. Es brauche dafür keine «gellenden Banden», die durch die Strassen ziehen. Die Nationalrätin schreibt: «Denn auf der Strasse gewinnen wir keinen Kampf. Sondern nur dort, wo er ausgefochten wird.»

Mag sein, dass privilegierte Frauen wie Frau Schneider-Schneiter auch sonst gehört werden, Gefässe haben, um ihre Anliegen wohl überlegt und mit genug Zeit zu formulieren. Andere Frauen haben  dieses Privileg nicht, die Artikulation auf der Strasse ist eine ihrer wenigen Möglichkeiten, sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Viele Frauen sind eben nicht bereits dort, wo Schneider-Schneiter zufolge der Kampf ausgefochten wird. Die entscheidenden Positionen in Wirtschaft, Kultur, Medien, Wissenschaft und Politik sind immer noch mehrheitlich in Männerhand.

«Wer nicht streiken kann oder will, hat genügend andere Formen der Teilnahme»

Ein zentraler Aspekt der fortbestehenden Geschlechterungleichheit beruht gerade darauf, dass Frauen oft im Privaten unsichtbar gemacht werden. Deshalb ist das Reklamieren des öffentlichen Raumes (der Strasse) ganz besonders wichtig. Nicht zuletzt unterschlägt Frau Schneider-Schneiter, dass es ein breites Spektrum an Möglichkeiten gibt, sich an diesem Tag, am 14. Juni, zu beteiligen. Wer nicht streiken kann oder will, hat genügend andere Formen der Teilnahme. Genau das zeichnet ja diesen Tag aus: Dass er dezentral organisiert ist, vielfältig, bei weitem nicht ausschliesslich «gewerkschaftlich», wie Elisabeth Schneider-Schneiter meint – und vor allem: dass alle, wirklich alle sich einbringen können mit eigenen Ideen.

Kurzum: Anstatt zu stänkern kann frau eine für sie angemessene Form für diesen Tag erfinden oder auf die Beine stellen. Wer sich minimal mit dem bevorstehenden Frauenstreik befasst hat weiss zudem, dass es sich nicht nur um einen Streik im engeren Sinne handelt, sondern auch um einen politischen Aktionstag. Ein Tag, an dem nicht nur mit «erhobenen Fäusten» (Zitat Elisabeth Schneider-Schneiter) durch die Städte marschiert wird. Sondern an dem auch getanzt wird, an dem es Performances gibt, Podien, Kinderwagen-Umzüge, Chorkonzerte, Picknicks,  Workshops. Ein Tag, an dem Bäuerinnen und Landfrauen auf öffentlichen Plätzen in der Tracht für ihre Belange einstehen, an dem Mütter und Grossmütter mit Kinderwagen durch die Innenstadt ziehen und darauf hinweisen, dass immer noch 80 Prozent der Sorgearbeit gratis von Frauen gemacht wird. Kurzum: Frauen tun an diesem Tag letztlich genau das, was Frau Schneider-Schneiter fordert: Ihren Anliegen «selbstbewusst und kreativ» Gehör verschaffen.

«Ein Ausrufezeichen ist kein Synonym für Populismus»

Im Unterschied zu Frau Schneider-Schneiter massen sich die Frauen, die derzeit überall in der Schweiz in unzähligen Stunden und mit schier übermenschlichen Kräften diesen Tag vorbereiten, nicht an, andere Frauen abzuurteilen für die von ihnen gewählten Artikulationsformen.

Und nicht zuletzt: Ein Ausrufezeichen hinter einer Forderung hat noch nichts – wie Frau Schneider-Schneiter unterstellt – mit Populismus zu tun. Ein Ausrufezeichen ist kein Synonym für Populismus.  Auch nicht für irrationale Wut, wie die Nationalrätin nahelegt, wenn sie fordert, Frauen sollten «nicht schreien», sondern «klare Worte formulieren». Es macht mich ehrlich ratlos, wenn Begriffe wie «Populismus» von führenden Politikerinnen so falsch, unbedacht und inflationär verwendet werden.   Der Effekt, andere vorschnell als populistisch darzustellen, ist – ob  gewollt oder nicht – dass man selbst als vernünftig erscheint, als diejenige mit dem gesunden Menschenverstand. Während «die anderen» als irrational erscheinen. Wut oder Lautstärke sind aber nicht per se Ausdruck von Hysterie oder Irrationalität. Ganz nebenbei: Indem Frau Schneider-Schneiter Frauen, die sich laut für ihre Anliegen einsetzen, mit irrationalen Hysterikerinnen («schreien», «Pöbel» usw.) gleichsetzt, reproduziert sie uralte patriarchale Vorstellungen: Durch die gesamte westliche Kulturgeschichte hindurch wurde Frauen, die ihre Stimme erheben, die Vernunft abgesprochen. Wo wir heute ohne laute und unbequeme Frauen stünden, ist kaum auszudenken.

Am Ende ihres Textes verstrickt Frau Schneider-Schneiter sich in Widersprüche: Frauen sollten für ihre Belange einstehen, aber nicht auf die Strasse gehen. Gleichzeitig schreibt sie: «In einer männerdominierten Welt gelten von Männern geschriebene Regeln. Also müssen wir Frauen unsere eigenen Trümpfe ausspielen.» Ja, deshalb wählen Frauen beim Frauenstreik ja auch Mittel, die über das hinaus gehen, was von der männlichen Welt für sie vorgesehen ist (zum Beispiel ruhig sein und zuhause bleiben).

«Frauen wollen selbstverständlich Dinge grundlegend verändern»

Frauen wollen selbstverständlich Dinge grundlegend verändern, und  nicht einfach «gleich werden wie Männer», wie Elisabeth Schneider-Schneiter unterstellt. Hier verfängt auch Elisabeth Schneider-Schneiters Behauptung nicht, der Streik richte sich einseitig auf die Berufswelt. Etwas genauere Recherchen hätten hier Not getan, es wäre schnell klar geworden, dass es gerade auch um die unbezahlte Arbeit geht, die Frauen leisten. Es ist eine zentrale Forderung des Frauenstreiks, den unbezahlten Care-Sektor, in dem überwiegend Frauen tätig sind, gesellschaftlich aufzuwerten. Elisabeth Schneider-Schneiter schreibt: «Wir haben das Talent, uns weit über die Arbeit hinaus zu engagieren». Ja, genau das tun Frauen, nicht selten unter extrem prekären Bedingungen. Genau um diese Fragen geht es auch am 14. Juni.

Ich verstehe nicht, warum Frau Schneider-Schneiter den Frauenstreik so verzerrt und einseitig darstellt. Ich verstehe auch nicht, warum sie es nötig hat, das riesige Engagement von tausenden Frauen in der Schweiz derart zu delegitimieren. Immerhin anerkennt Frau Schneider-Schneiter, dass es noch viel zu tun gibt, dass Gleichstellung mitnichten erreicht ist. Allerdings könnte man von einer einflussreichen Politikerin erwarten, dass sie über den eigenen Tellerrand hinaus schaut und honoriert, dass verschiedene Frauen auf verschiedene Weise politisieren und für ihre Belange einstehen.

Zur Autorin: Franziska Schutzbach ist Geschlechterforscherin und Soziologin, sie lehrt an verschiedenen Universitäten (Uni Basel, München, Berlin). Sie ist Buchautorin und Feministin und Mitglied der Gleichstellungskommission Basel-Stadt. Neu erschienen ist ihr Buch «Die Rhetorik der Rechten. Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick».

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