-minu erzählt, wie er seinen Morgestraich erlebt. (Bildmontage: Telebasel)

Basel

«Man spürt, wie das Herz bis zum Hals schlägt»

Der Morgestraich ist jedes Jahr wieder ein besonderes Erlebnis. -minu erzählt Telebasel, was dieser spezielle Moment für ihn bedeutet.

«Für viele ist es der schönste Moment: Vieruhrschlag. Lichter aus. Morgestraich! Gut. Wunderbar. Aber ich geniesse die Stunden davor noch mehr. Etwa den Laternensonntag, wo die Stadt dem grossen Moment entgegenfiebert. Oder die Wochen mit den Vorbereitungen, die meistens fröhlicher sind als die drei Fasnachtstage.

Ich geniesse auch die schlaflose Nacht, das hin und her wälzen im Bett – die feinen Ueli-Gleggli, die mir auf dem Weg ins Stammlokal entgegen bimmeln. Ich geniesse das Verwunschene, Geheimnisvolle dieser Stunden davor – bis zum Moment, in dem man mit klammem Magen vor einer Mehlsuppe hockt und hilflos versucht, mit den anderen Cliquenfreunden zu witzeln.

Joghurt statt Mehlsuppe

Dann kommt der Augenblick, in dem man in der morgendlichen Kälte die Larve runter zieht. Zum 30. Mal kontrolliert: ‹Ja – das Kopfladäärnli brennt!› Und insgeheim schimpft, dass man nur wegen der Tradition diese dicke Mehlsuppe gelöffelt hat. Piccolo zu spielen scheint unmöglich. Du hast eine Zunge wie ein Stück Filz. Dein Mund ist trocken. Und in fünf Minuten solltest du auf dem Piccolo loslegen. Auch wenn es nicht Tradition sein wird: Nächstes Jahr gibt es ein Joghurt!

Die Leute schauen gespannt zu dir, zu deiner Clique. Sie spüren die aufgeladene Stimmung, atmen diesen einzigartigen Moment ein. Man spürt, wie das Herz bis zum Hals schlägt. Noch ein letztes krampfhaftes Witzeln: ‹Gsehsch mit dr Lave besser uss, Willi!› Und dann noch 30 Sekunden Stille. Abwarten. Nervöses Schweigen. Endlich: ‹Aachtung…Mooorgestraich…voorwärts…maaaarsch!›

Der erste Glockenschlag

Lichter aus. Erster Glockenschlag vom Rathaus. Die Cliquen setzen fast alle auf diesen Glockenschlag ein. Den ersten. Ist so Tradition. Und der Basler Boden bebt. Wie jedes Jahr. Seit dem ersten Morgestraich in dieser Stadt.

Du marschierst in Trance hintereinander her. Irgendwie auf Wolken. Und irgendwie eingeengt – zwischen Glück und Traurigkeit. Morgestraich ist immer ein bisschen wie der Moment, in dem man das Weihnachtszimmer betritt. Und die Fasnacht der Stube mit dem Bäumchen sehr ähnlich wird. Jetzt ist es die Laterne – an Weihnachten das Tännchen. Ein heiliger Augenblick ist es für Basler beide Male.

Tausende Gedanken

Tausend Gedanken jagen dir durch den Kopf – hier vor der Lampe. Am Heiligen Abend vor den Kerzen: Onkel Max ist nicht mehr da, der Platz von Michi ist leer und am Strassenrand steht deine Freundin. An ihrer Hand deine kleine Tochter. Sie ist zum ersten Mal an einem Morgestraich. Das winzige Persönchen winkt dir zu – käseblass. Natürlich hat sie vor Aufregung keine Sekunde geschlafen. Du schwingst den Trommelschlegel zu ihr. Hättest sie jetzt gerne in die Arme genommen. Und spürst, wie dir die Tränen unter der Larve die Wangen runterkullern.

Morgestraich – das ist Emotion pur. Schwarze Nacht und feurige Sonne. In allem aber kommt nach einer Stunde die Erkenntnis: 60 Minuten schon vorbei – es bleiben noch 71 Stunden bis zum Ende. Bis zum Tod. Fasnacht ist immer ein bisschen Totentanz. Und der Morgestraich der Auftakt zu 72 Stunden Leben.»

-minu

-minu kommentiert für Telebasel gemeinsam mit Franz Baur am Montagmorgen den Morgestraich

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