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Der Telebasel News Beitrag vom 15. November 2018.

Basel

Roger Köppel gibt sich als Missverstandener

Der Weltwoche-Verleger stellte sich seinen Kritikern an der Uni. Was aber hat die Debatte gebracht? Ein Kommentar.

Vielleicht ist es der Schlusspunkt einer gehässigen Debatte. Überraschend aufgeschlossen und fair diskutierten zwei Männer, die man sich vor Kurzem kaum gemeinsam auf einem Podium hätte vorstellen können. In der Tat prallten in einer vollen Uni-Aula Welten aufeinander: Auf der einen Seite der wohl am meisten polarisierende Verleger der Schweiz, auf der anderen Seite ein Wirtschaftsstudent, dessen Name vor wenigen Wochen noch kaum jemand kannte.

Der eine argumentierte vor allem mit Meinungspluralismus, der andere mit Antirassismus. Man kann Roger Köppel vieles vorwerfen, die Bereitschaft zur Diskussion jedoch kaum. Dasselbe gilt auch für seinen Kritiker Düzgün Dilsiz. Der Student hinter dem mittlerweile gescheiterten Antrag gegen Weltwoche-Gratisexemplare entschied sich, mit seinem Anliegen an die Öffentlichkeit zu treten. Manche Journalisten und Kommentarschreiber verorteten in ihm oder im Studierendenrat die Inkarnation einer Meinungstyrannei. Er wurde sogar zur Zielscheibe eines (nicht selten rassistisch gefärbten) Shitstorms oder musste für allgemeine Polemiken gegen das Phantom einer angeblich von Maulkörben,  «Snowflakes» und politischer Korrektheit dominierten Uni herhalten.

Köppel fühlt sich diskriminiert

Anders Roger Köppel: Er verzichtete auf persönliche Angriffe gegen den Herausforderer, wenn auch sein spöttischer Unterton nicht zu überhören war. «Ich fühle mich manchmal auch diskriminiert», meinte er mit einem bübischen Lächeln gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion. Rassismusvorwürfe seien bloss «Moral-Ohrfeigen», um nicht über die Sache an sich zu sprechen. Düzgün Dilsiz hielt hingegen daran fest, dass man das Kind beim Namen nennen sollte, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Dieser ist in seinen Augen bei manchen Weltwoche-Ausgaben erstellt. Die Meinung von Minderheiten, die sich dadurch diskriminiert fühlen, müsse man daher berücksichtigen.

Die beiden unterschiedlichen Ansätze standen sich bis am Ende des Abends unversöhnlich gegenüber. Dennoch zeigten die zahlreichen engagierten Voten, dass Diskussionen an der Uni viel differenzierter geführt werden, als es so manche Ferndiagnosen zum Uni-Leben vermuten lassen. Zwischen Köppel und Dilsiz waren auch viele Zwischentöne zu vernehmen.

Der Philosoph Markus Wild, dritter Podiumsgast, brachte es auf den Punkt. Er ist kein Befürworter des Ziels des Weltwoche-Antrags, kann aber die Motivation dahinter nachvollziehen. Wie er festhielt, arbeitet die Weltwoche gezielt mit Zweideutigkeiten. Wenn auch Roger Köppel dies vehement als Unterstellung abtat, wurde die These im Laufe des Abends mehrmals bestätigt. Der Verleger präsentierte sich gekonnt als den grossen Missverstandenen. Selbst pointierte Schlagzeilen und markige Covers waren eigentlich nie so gemeint, wie er durchschimmern liess.

Wenn alles gar nicht so gemeint war

Stattdessen spielte er den Ball zurück an die Kritiker, die in seinen Augen stets dreiste Absichten in die besagten Beiträge hereininterpretierten. Somit wird die Problematik der Weltwoche klar. Mit rhetorischen Fragen und Mehrdeutigkeiten, die im Notfall auch als Ironie oder als berechtigtes «man wird doch wohl noch fragen dürfen» durchgehen könnten, schaffen es die Macher der Weltwoche immer wieder, sich aus der Affäre zu ziehen.

Der Gegenvorwurf lautet, die Leserschaft für dumm zu halten, sie wisse schliesslich schon, wie es gemeint ist. Somit kann den Kritikern eine arrogante Haltung gegenüber den Lesern zum Vorwurf gemacht werden. Das Problem an dieser Argumentation: Die Eigendynamik, die manche Anspielungen, Suggestivfragen und Codewörter haben, geht dabei vergessen. Wenn etwa Roger Köppel wie jüngst in einem Editorial die Politgruppe Operation Libero mit dem Investor George Soros in Verbindung bringt, wissen Anhänger von Verschwörungsfantasien ziemlich genau, wie sie die Anspielung verstehen könnten. Und diese Deutungen sind auch allgemein bekannt. Die Rezeption der Beiträge als völlig irrelevant einzustufen, ist daher problematisch. Die Gehässigkeiten in den Kommentarspalten sprechen Bände. Bedenklich ist dabei, welche Positionen vom rechten Rand sich dadurch eine Legitimation zu verschaffen versuchen – ein Punkt, der vom Weltwoche-Team leider zu oft heruntergespielt und als Unterstellung abgetan wird.

Hinzu kommt ein anderes Problem. Alleine die «andere» Sicht einzunehmen, garantiert noch keinen qualitativ guten Journalismus, wie auch Markus Wild betonte. «Zu viel Polarisierung führt zu schlechteren Debatten». In diesem Punkt gab sich Roger Köppel zumindest teilweise selbstkritisch, wenn er etwa davor warnte, nicht etwa aus einem Pawlowschen Reflex heraus einen anderen Standpunkt einzunehmen.

Ein eigentlicher Gewinner der Debatte ist wohl nicht auszumachen. Mit viel Redezeit und gewohnt wortgewandt konnte Köppel weit ausholen. Seine Beteuerungen, der Missverstandene zu sein und lediglich zu «schreiben, was ist» vermochten die meisten Zuhörer aber nicht zu überzeugen. So erntete etwa seine Aussage, sein SVP-Nationalratsmandat beeinflusse in keinster Weise sein journalistische Arbeit, ein schallendes Gelächter im Saal. Gleichzeitig wurde in der Diskussion auch klar, dass der Antrag im Studierendenrat eben nicht den entscheidenden Punkt trifft. Wer die Weltwoche kritisieren will, ist gut beraten, sie nicht aus dem Blickfeld zu schaffen, sondern zu verstehen, wie sie tickt und aus welchen semantischen Trickkisten sie sich bedient.

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