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Der Telebasel News-Beitrag vom 28. Juni 2018.

Basel

«Unsere jüngste Patientin ist 14 Jahre alt»

Im Rahmen der Themenwoche «Basel im Drogenrausch» spricht Telebasel mit Prof. Dr. med. Marc Walter von den UPK über den Weg weg von den Drogen.

Wenn die Sucht Überhand nimmt und der Drogenkonsum plötzlich über das alltägliche Leben bestimmt, bietet der Entzug für viele Menschen die letzte Möglichkeit, von den Drogen wegzukommen.

Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) bieten Hilfe bei solchen Problemen. Neben den ambulanten Dienstleistungen verfügen die UPK auch über drei stationäre Abteilungen. Telebasel hat im Rahmen der Themenwoche «Basel im Drogenrausch» mit Chefarzt Prof. Dr. med. Marc Walter über Abhängigkeiten, Therapiemöglichkeiten und die Menschen in Behandlung gesprochen.

Wie viele Menschen sind hier wegen Drogenproblemen in Behandlung?

Prof. Dr. med. Marc Walter: Wir haben hier in den UPK einen sehr grossen Suchtbereich und dort haben wir unter anderem eine Unterteilung in Alkohol und Drogen. Wir haben drei stationäre Abteilungen mit jeweils 16 Patienten. Das ist etwa ein Drittel der Erwachsenenpsychiatrie. Das sind alles Patienten, die Suchterkrankungen als Hauptdiagnose haben.

Was sind das für Menschen?

Es ist leider so, dass Patienten mit einer Suchterkrankung sehr stark stigmatisiert sind. Es ist einfacher zu sagen, man hat eine Depression, als zu sagen, ich bin alkoholabhängig oder habe ein Drogenproblem. Was diese Menschen auszeichnet, ist ein zu Grunde liegendes Problem mit Selbstwert, mit vielen Ängsten und häufig auch mit Missbrauchserfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit. Die Hintergründe und die Vorgeschichte sind meist durch negative Erfahrungen geprägt. Diese Menschen können zum grossen Teil mit Stress nicht so gut umgehen wie viele andere.

Also haben alle Abhängigen psychische Probleme?

Bei anhaltendem Drogenkonsum kann auch mal Neugier dahinter stecken oder eigene Grenzen austesten zu wollen in der Identitätsentwicklung eines Menschen. Aber dieses Verhalten reicht nicht aus, um zu erklären, warum man eine Substanzabhängigkeit entwickelt. Diese Menschen haben mehrheitlich Probleme damit, Stress so zu bewältigen, wie gesündere Personen.

Lässt sich ein Trend bezüglich des Alters erkennen?

Was Drogenprobleme angeht, sind das ganz klar eher jüngere Menschen. Da treten in der Adoleszenz die ersten Probleme auf. Bei Alkohol sagt man, dass sie so in den 20er Jahren abhängig werden. Bei Drogen ist es ähnlich.

Ein grosses Thema zur Zeit ist, dass die Anzahl der älteren Menschen immer mehr zunimmt. Der Drogenkonsum lässt zwar nach im Laufe des Lebens nach, aber jetzt kommt eine Generation, die schon früher Erfahrung mit Drogen gemacht hat. Alle, die in den 60er oder 70er Jahren Drogen genommen haben, zählen jetzt langsam zu den Älteren.

Ein anderer Punkt ist, dass wir mit einer erfolgreichen Drogenpolitik in der Schweiz und mit unseren suchtmedizinischen Fortschritten frühe Todesfälle verhindern können. Die Leute sterben weniger an Drogen, so wie es früher häufig der Fall war. Wir vermuten insgesamt, dass sich die Drogenprobleme in den Spitälern und in den Heimen in den kommenden Jahren etwa verdoppeln werden.

Wie alt ist die jüngste Patientin/der jüngste Patient?

Die jüngste Patientin bei uns in Behandlung ist 14 Jahre alt. Da ist die Kinder- und Jugenspyschiatrie in die Therapie natürlich mit eingebunden. Diese Patienten gehen ja auch noch zur Schule, da treten ganz andere Probleme als im Erwachsenenalter auf.

Weisen sich die Patienten selber ein?

Nur wenige Menschen sind gegen ihren Willen hier. Bei den ganz jungen Patienten machen sich oft die Angehörigen Sorgen. Diese Patientengruppe ist aber auch sehr schwer zu erreichen. Sie profitiert noch von den positiven Effekten der Drogen und sieht oder hat die Probleme noch nicht, die eine lange Drogenabhängigkeit mit sich bringt.

Wer aber schon im Jugendalter den Drogen verfällt, hat oft auch eher weniger Kontakt zu den Angehörigen. Die kommen dann erst, wenn sie die ersten Probleme feststellen. Das ist leider meist erst so im Alter von etwa 40. Es ist uns natürlich ein grosses Anliegen, dass diese viel eher zu uns in Behandlung kommen.

Wie kann man sich eine solche Therapie vorstellen?

Das eine sind hier die ambulanten Behandlungen, zum Beispiel bei den jüngeren Patienten, die mehrheitlich noch nicht körperlich abhängig sind. Bei dieser Form würden wir eher psychotherapeutisch intervenieren. Man führt Gespräche, zum Beispiel über Risikosituationen, um überhaupt erst einmal ein Problembewusstsein zu schaffen. Man versucht vor allem, den Patienten zu motivieren und eine gute therapeutische Beziehung aufzubauen, um den Konsum zu reduzieren.

Wie sieht es im stationären Bereich aus?

Dann gibt es mehrheitlich die schweren Fälle, die in stationäre Behandlung kommen. Diese Patienten sind schon stark abhängig, zum Beispiel von Heroin oder Kokain. Dort begleiten wir als erstes einen Entzug. Denn wenn diese Menschen den Stoff nicht mehr bekommen, entwickeln sie schon nach einigen Stunden Entzugssymptome.

Diese behandeln wir dann. Dieser körperliche Entzug dauert etwa zehn bis 14 Tage. In dieser Zeit beginnen wir aber bereits mit einer Psychotherapie, um die Patienten zu motivieren, auch etwas länger zu bleiben, sodass sie nach der Entgiftung auch eine Therapie anschliessen möchten.

Wie gehen Angehörige am Besten mit einer solchen Situation um?

Wenn ein Suchtpatient in Therapie geht, egal ob stationär oder ambulant, ist das immer gut. Deswegen ist das auch immer zu unterstützen. Angehörige, wie Eltern oder Partner sollten möglichst begleitend dabei sein. Sie sind auch in der Behandlung immer willkommen. Dann bespricht man den Behandlungsplan gemeinsam. Wo steht man, was kann man selbst, aber auch im sozialen Umfeld verändern? Wie könnte ein Leben ohne Drogen aussehen?

Aber was ist, wenn sich jemand nicht in Therapie begeben möchte?

Das kann sehr schwierig sein. Meistens leidern die Angehörigen dann auch sehr. Da kann es auch positiv sein, Abstand zu nehmen. Im Sinne von: Wenn du in eine Therapie gehst, dann unterstütze ich dich, aber wenn das so weiter geht, dann kann das auch für uns nicht gut sein.

Wegen welcher Droge sind die meisten Menschen in Behandlung?

Während Heroin zur Zeit in den USA ein sehr grosses Problem ist, ist es in der Schweiz durch die gute Behandlung und die Drogenpolitik weniger geworden. Heroin ist nicht mehr so im Trend wie früher.

Andere Drogen sehen wir dafür häufiger. Es gibt jene Substanzen, die immer gleich oft genommen werden. Darunter fällt zum Beispiel Alkohol. Daneben ist Cannabis und Kokain sicher mehr geworden in den letzten Jahren. Eigentlich Stimulanzien im Allgemeinen.

Wir haben auch hier Kokainabhängige und eine grössere Anzahl an Patienten, die zum Beispiel Heroin und Kokain zusammen konsumieren. Im ambulanten Bereich haben wir viele Patienten, die Kokain einnehmen, aber noch berufstätig und sozial integriert sind.

Wie sieht es mit Methamphetamin aus?

Das ist bei uns hier nicht so stark vertreten. In Deutschland ist das allerdings ein riesiges Problem. Was aber bei uns zugenommen hat ist, dass die Patienten oft mehrere Probleme haben, vor allem psychischer Art. Das heisst, sie sind psychisch kränker als noch vor einigen Jahren.

Wie hoch ist das Rückfall-Risiko?

Bei Alkohol sind es etwa 50 Prozent, die nach einem Jahr noch abstinent sind. Bei Heroin clean zu bleiben, ist aufgrund der Substitution (Ersatzstoffe) viel einfacher. Beim Kokain haben wir das Problem, dass es vor allem für die schwer Abhängigen keine Substitution gibt. Diese Patienten werden viel eher rückfällig.

Ist der Drogenentzug immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft? 

Die Drogenabhängigkeit ist eine Erkrankung, die sich insgesamt gut behandeln lässt. Darüber sollten wir auch mehr reden. Man sollte versuchen, das Ganze so zu behandeln, wie andere Krankheiten auch und das Thema nicht dauernd wegschieben. Auch auf der Ärzteseite.

Drogen- und Alkoholabhängigkeit ist leider immer noch etwas, worüber man nicht spricht, und das man nicht hat, obwohl es doch alle wissen. Es ist immer etwas Negatives, womit man sich nicht gerne beschäftigt. Wenn es normaler wird, darüber zu reden, wird auch den Patienten damit sehr geholfen.

In der Themenwoche «Basel im Drogenrausch» widmet sich Telebasel den Themen rund um den Konsum sogenannter «Stimulanzien». Darunter fallen Kokain, Amphetamin, Mephamphetamin und MDMA. Telebasel wagt sich gemeinsam mit dem Nightlife-Präventionsprojekt Safer Dance ins Basler Nachtleben, trifft Konsumenten, spricht mit der Staatsanwaltschaft über die Drogenproblematik und befasst sich mit dem Thema Drogenpolitik.

Ab Montag, 25. Juni 2018, täglich ab 18:30 Uhr in den News, am Mittwoch, 27. Juni 2018, ab 19:40 Uhr im Report und am Samstag, 30. Juni 2018, ab 19:15 Uhr in einer Spezialsendung. Dazu laufend interessante Themen auf telebasel.ch. Das ganze Programm der Themenwoche finden Sie hier

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