Der Fitnesswahn ist in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. (Symbolbild: Keystone)

Basel

«Es wird problematisch, sobald sich der Körper meldet»

Vom inneren Schweinehund bis zum übertriebenen Training: Telebasel sprach mit Chefarzt Urs Martin über den aktuellen Fitnesswahn.

In Zeiten von Instagram, Facebook und Youtube ist der Fitnesswahn in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Sport hält ja bekanntlich fit und gesund, aber wann ist es zu viel? Urs Martin, Chefarzt Medizin Konservativ und Sport in der Praxisklinik Rennbahn behandelt täglich Hobby- und Profisportler. Telebasel sprach mit ihm über den aktuellen Fitnesswahn, Risiken und Gefahren oder was beim Training unbedingt beachtet werden sollte.

Chefarzt Urs Martin von der Rennbahnklinik sprach mit Telebasel über den Fitnesswahn. (Bild: Rennbahnklinik AG) 

Herr Martin, immer mehr Menschen achten auf ihre Gesundheit, treiben Sport, zeichnen Trainingsdaten auf. Ist das eine erfreuliche Entwicklung oder doch etwas übertrieben?

Grundsätzlich ist es gut, wenn der Mensch sich bewusst ist, dass Bewegung in einem angepassten Rahmen gesund ist. Eigentlich weiss ja jeder, was er machen sollte. Oft muss halt der innere Schweinehund überwunden werden. Heutzutage wird man vor allem durch die Social Media-Kanäle und die Werbung stark beeinflusst. Dort werden gewisse Schönheitsideale propagiert. Dem versuchen viele dann nachzukommen. Man muss einfach wissen, von null auf hundert in zwei Sekunden, ist nicht gut. Man sollte schon in etwa wissen, wie man trainiert und auf was man achten soll. Sodass der Körper nicht in eine Belastungssituation kommt. Dann kommt es vermehrt zu Verletzungen oder Ermüdungsbrüchen.

Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach Social Media-Kanäle auf den Fitnesswahn?

Ich glaube schon, dass es eine gewisse Gefahr mit sich bringt. Hier wird man auch im Bereich von irgendwelchen Zaubermittelchen total berieselt. Vor allem wenn der Charakter etwas labil ist, lässt man sich eher schnell beeinflussen. Das Ganze hat aber auch eine gute Seite. Über diese Kanäle kann man sich auch gegenseitig motivieren oder es formen sich gar neue Sportgruppen. So gut wie es ist, so schlecht kann es sein.

Bedeutet viel Sport und eine gesunde Lebensweise auch weniger Anfälligkeiten für Krankheiten und ein längeres Leben?

Das ist fast schon eine philosophische Frage. Man weiss aber, dass Sport in einem gesunden Rahmen einen Vorteil für den Körper hat. So zum Beispiel auf Zucker, Übergewicht oder einen hohen Cholesterinspiegel. Auch auf das Herz und den Stoffwechsel hat Sport einen positiven Einfluss. Das ist aber nur ein Teil des Kuchens. Der andere ist das Schicksal. Da spielen die Genetik und der Lebensstil mit eine Rolle. Man kann nicht sagen, jemand, der Sport treibt, wird mit Sicherheit 90 Jahre alt.

Wann ist es zu viel?

Typische Zeichen eines Übertrainings sind Schlafstörungen, Durchfall oder Nervosität. Aber natürlich auch eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit. Auch Muskelkrämpfe und allgemeine Schmerzen sind Indikatoren. Dann sollte man sich überlegen: Mache ich etwas falsch oder habe ich zu viel trainiert? Es wird problematisch, sobald sich der Körper meldet. Auch bei einem Leistungsknick sollte interveniert werden.

Gilt hier der Grundsatz: Lieber gar nicht trainieren, als falsch?

Falsch zu trainieren hat vor allem zur Folge, dass kein Trainingseffekt sichtbar ist. Das heisst zum Beispiel: keine Verbesserung der Ausdauer. Auch wenn man abnehmen möchte und falsch Sport treibt, bleiben Ergebnisse aus. Das drückt auf die Motivation.

Haben die Sportverletzungen in den letzten Jahren zugenommen?

Ich arbeite jetzt seit 25 Jahren in diesem Beruf. Grundsätzlich habe ich nicht das Gefühl, dass solche Verletzungen zugenommen haben. Ich glaube die Sportler heute sind durch ihr Umfeld so sensibilisiert, dass sie eine gewisse Vernunft walten lassen und ihren Körper gut kennen. So kommen sie viel weniger in eine solche Situation.

Was empfehlen Sie jemandem, der fast keinen Sport treibt und jetzt damit anfangen möchte?

Wenn man sich entscheidet, mit Sport richtig anzufangen, empfiehlt sich ein Gespräch mit dem Hausarzt. Da klären sich Fragen, wie mit dem Training begonnen werden oder auf was unbedingt geachtet werden soll. Dann bietet sich natürlich auch die Möglichkeit, mit einem Sportarzt zu sprechen. So wird sichergestellt, dass das Training auch den gewünschten Effekt hat. Für einen Marathon muss man zum Beispiel speziell trainieren. Dann macht eine Beratung Sinn.

Spielt hier auch die Ausrüstung eine Rolle?

Ja, auch hier kann man viel falsch machen. Aber wenn zum Beispiel jemand mit dem Laufen beginnt, darf er sich auch einfach einmal ein paar Sportschuhe kaufen und ausprobieren. Wenn dann keine Beschwerden auftreten, ist das auch völlig okay. Falsche Schuhe können aber zu unschönen Folgen wie Achilles- oder Hüftbeschwerden führen.

Macht ein Personaltrainer Sinn?

Das ist sinnvoll für Menschen, die ein konkretes Ziel haben. Hier spielt natürlich auch die Motivation eine grosse Rolle. Man muss einfach wissen, solch ein Training ist nicht ganz billig. Als Alternativen kann man sich auch Tipps von Kollegen holen oder sich einer Gruppe anschliessen.

Sie behandeln ja Sportverletzungen aller Art und begleiten die Rehabilitation. Was sind das für Verletzungen?

Das ist sind ganz verschiedene Verletzungen, das kommt ganz auf die Patientengruppe an. Da gibt es auf der einen Seite die Jüngeren, die meist in einem Verein Sport treiben. Auf der anderen Seite die Patienten im mittleren Alter, die oft privat etwas tun, wie Tennis spielen oder laufen. Deshalb ist die Palette der Sportverletzungen, die wir hier in der Rennbahnklinik behandeln, relativ gross.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Wenn wir unten am Körper beginnen gibt es Verletzungen am Sprunggelenk, Bänder oder Achillessehne. Da treten natürlich immer wieder Knieverletzungen, Kreuzbandrisse oder Meniskusprobleme auf. Auch Hüftprobleme können durch den Sport auftreten. Dann natürlich auch Schultern- und Ellbogenverletzungen. Auch muskuläre Geschichten oder eingeklemmte Nerven sind immer ein Thema.

Sind Patienten mehr Hobby- oder mehr Profisportler?

Die Mehrheit der Patienten sind die aktiven Hobbysportler. Die haben dann meist auch ein konkretes Ziel, wie zum Beispiel einen Marathon. Da geht es schon in Richtung halbprofessionell. In Bezug auf Profis sind das vor allem jene, von denen man dann auch in den Medien lesen kann. Das sind Tennis- und Fussballspieler oder andere bekannte Gesichter aus der Sportwelt. Aber das ist eine Minderheit.

Wie sehen Sie die Zukunft bezüglich Bewegung?

Grundsätzlich ist es schon so, dass man sich heute weniger bewegt als früher. Viel Arbeit wird im Sitzen verrichtet, man fährt mit dem Auto ins Büro, man nimmt den Lift. Ich glaube, das wird in Zukunft noch ein wenig extremer. Die Arbeit wird kopflastiger und weniger körperlich.

In der Themenwoche vom 19. bis 24. März beleuchtet Telebasel interessante Aspekte unter dem Schwerpunkt «Teure Gesundheit»: Täglich in den Telebasel News um 18:30 Uhr und ab 19:00 Uhr stündlich. Ausserdem gibt es im Telebasel Report einen vertieften Einblick in das komplexe Gesundheitssystem, am Mittwoch, 21. März, ab 19:30 Uhr stündlich. Am Samstag, 24. März, widmet sich zudem eine Spezialsendung dem Thema Gesundheit.

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