Sie waren stark für die Nati und für den FC Basel: Karl Odermatt und der im Juli 2017 verstorbene Torhüter Marcel Kunz. (Keystone)

Basel

Fussballgeschichte: Karli im Cup-Halbfinal vom 1972

Ostermontag, 3. April 1972: 50'000 pferchen sich ins Wankdorf-Stadion. Der Cup-Halbfinal YB gegen FCB ist ein absolutes Schlagerspiel.

Die Young Boys enttäuschten an diesem nicht strahlenden, aber warmen Nachmittag. Der FC Basel hätte höher gewinnen können als 2:0. Dennoch spielte sich damals in Bern Ungewöhnliches ab.

Das erste Ungewöhnliche war schon vor dem Match bekannt. Walter Eichenberger, von 1966 bis 1983 die unbestrittene Nummer 1 im Tor der Young Boys, war verletzt. So musste sich ein gewisser Hanspeter Latour zwischen die Pfosten stellen, der auf die damalige Saison von Thun zu YB gekommen war.

Schon nach sechs Minuten schien sich Eichenbergers Absenz als Schwächung zu erweisen. Latour liess einen haltbar scheinenden Schuss von Karl Odermatt aus 25 Metern unter dem Körper hindurch ins Tor gleiten.

Damit war das Duell zwischen dem späteren populären Trainer und der Basler Legende nicht beendet. Nach 37 Minuten – es stand weiter 0:1 – ahndete Schiedsrichter Gallmann ein Hands von Ernst «Lisi» Schmocker, dem YB-Verteidiger aus dem Oberland, mit einem Penalty.

Hanspeter Latour bekam in dem persönlichen Duell mit Karl Odermatt die Gelegenheit zur Revanche. Odermatt trat den Penalty halbhoch in Richtung des linken Pfostens. Latour parierte den Schuss, als gäbe es für ihn nichts Einfacheres.

Die Penalty-Strategie

Nach dem Match wurden die Kontrahenten zur Szene befragt, und alles klärte sich auf. Hanspeter Latour sagte, er habe zwei Wochen vorher auf einem Bild in der Zeitung Sport gesehen, wie Karl Odermatt gegen Servettes Goalie Jacques Barlie mit einem halbhohen Schuss nach links versenkt habe. Deshalb habe er vermutet, dass Odermatt es gegen ihn auf die gleiche Weise versuchen würde.

Karli Odermatt wehrte sich dagegen, dass man seine Penalty-Strategie durchschauen könne. «Ich wollte höher zielen», sagte Karli gegenüber dem Sport. «Doch der Ball war vom Schiedsrichter in ein Loch gelegt worden.»

Ohrfeige nicht geahndet

Das Duell Latour – Odermatt ging an jenem warmen Nachmittag also 1:1 aus. Aber Karli Odermatt wurde noch zu einem anderen, wenngleich sehr kurzen Zweikampf gerufen. In den letzten Minuten vor der Pause, nach dem Penalty, gab es viele Gehässigkeiten. Schiedsrichter Gallmann hatte bis dorthin in verschiedenen Szenen offensichtlich falsch entschieden.

Der legendäre Sport-Chefredaktor Walter Lutz mutmasste, dass Gallmann sich jetzt nicht mehr getraute, Spieler vom Platz zu stellen. Dies galt besonders für eine unglaubliche Szene, die sich nach 40 Minuten nahe der Cornerfahne unterhalb des Totomats zutrug.

Dort gerieten Odermatt und der deutsche YB-Stürmer Dieter Brenninger aneinander. Beide waren blond und glichen sich auch sonst äusserlich. Brenninger trug die Haare schon so licht, wie sie Karl Odermatt später ebenfalls tragen sollte.

Der Anlass des Zusammenstosses bei der Totomat-Cornerfahne ist nicht bekannt. Aber die Zuschauer, die in dieser Ecke standen, konnten sehr wohl sehen und sogar hören, wie Dieter Brenninger dem Schweizer Fussballdenkmal eine offene Ohrfeige gab. Eine schallende Ohrfeige, eine vaterländische Wasche. Der Schiedsrichter hielt sich an seinem Grundsatz, nicht einzugreifen. Karli Odermatt war belämmert, Brenninger rannte zum nächsten Einsatz.

Der FCB war einfach besser

Spannung kam nicht mehr auf. Die Young Boys versuchten in der zweiten Halbzeit alles, aber trotz eines grossen Aufwands mit guten Offensivkräften wie Hans-Peter Schild, Peter Marti, Bert Theunissen und Torschützenkönig Walter Müller kamen die Berner zu keinen guten Chancen. Der FCB hatte Karl Odermatt, Rolf Blättler, Walter Balmer, Ottmar Hitzfeld und in der Abwehr Urs Siegenthaler und Peter Ramseier zu bieten. Und war einfach besser.

Als der früh verstorbene Walter Balmer, der Berner Oberländer Stürmer in der Basler Mannschaft, Hanspeter Latour nach 82 Minuten mit einem unhaltbaren Schuss unter die Latte bezwang, war alles entschieden.

Es war eines der letzten Spiele, für die noch derart viele Zuschauer ins Wankdorf gelassen wurden. Später griffen zu Recht eingeführte Sicherheitsbestimmungen, die solche Kulissen nicht mehr ermöglichten.

Exakt sieben Wochen später, am Pfingstmontag, 22. Mai 1972, sahen 45’000 im Wankdorf, wie Basel den Cupfinal gegen den FC Zürich 0:1 verlor. Der einzige Torschütze hiess Daniel Jeandupeux.

(sda)

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