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Der Telebasel Glam Beitrag vom 13. Februar 2018.

Basel

«Dreigroschenoper» als Zen-Workshop für irre Führungskräfte

Filmregisseur Dani Levy («Meschugge») inszeniert in Basel Brechts «Dreigroschenoper» als Spiel im Spiel: Aufgeführt wird sie als «therapeutische Wunderwaffe» von einer Gruppe geschädigter Führungskräfte in einem futuristischen Psycho-Asyl.

«Heilung durch Katharsis» versprechen ein Arzt und die Klinikleiterin, und stellen die Patienten vor, elf Personen von «Mammon blau» bis «Mammon Rosa». Dann hebt sich der Vorhang, und beinahe entfährt einem ein «Wow»: In einem durch krakenhafte Bögen angedeuteten Raumschiff liegt ein japanischer Zen-Garten mit Steinen, Stegen, Pflanzen, Lotus-Teich, Pagoden-Pavillon, Kirschblüten und einem Koi-Fisch, der in einem Käfig (!) seine Runden zieht (Bühnenbild: Jo Schramm).

In einer Rotunde im Hintergrund helfen Krankenschwestern in bizarren Trachten den Patienten in die bunten Kostüme. Mit ihren bodenlangen Ärmeln und den Schnallen am Rücken rufen die Klamotten unentwegt in Erinnerung, dass hier psychisch lädierte Leute spielen, deren Montur bei Bedarf jederzeit in eine Zwangsjacke verwandelt werden könnte.

Viele der Figuren wirken deshalb nicht so kräftig, wie man sich von anderen Inszenierungen gewohnt ist. Der, welcher die Eröffnungsnummer singt, die Moritat von Mackie Messer, ist besonders verzagt, aber auch der Polizeichef Brown (Ingo Thomi) schwächelt und Mackie Messer (Thiemo Strutzenberger) verliert ebenfalls relativ früh seine Souveränität. Die Frauen dagegen wachsen – vor allem Cathrin Störmer als Frau Peachum und Paula Hans als ihre Tochter Polly.

Der Telebasel Glam Beitrag vom 9. Februar 2018.

Bettler betteln, Diebe klauen, Huren huren

Die Story ist bekanntlich von einer erstaunlichen Simplizität: Macheath, gleichsam der Geschäftsleiter der Londoner Strassenbanditen, heiratet heimlich Polly, die Tochter von Peachum, dem CEO der Bettlervereinigung. Peachum und seine patente Frau beschliessen, den Mehrfachmörder Macheath bei der Polizei zu verpfeifen.

Die Ergreifung gestaltet sich einfach, da Macheath donnerstags nun einmal traditionell ins Puff geht. Nachdem ihm eine Verflossene zur Flucht aus dem Käfig – der Koi ist jetzt nicht mehr drin – verholfen hat, lässt er sich wieder einfangen, wiederum bei einer Dirne. Er hängt schon fast am Galgen, da erscheint der reitende Bote und überbringt nicht nur Mackies Begnadigung, sondern auch seine Erhebung in den Adelsstand.

Ein reitender Bote für alle, die dafür bezahlen

Wer sich der Firma Mammon anvertraut, belehrt am Schluss die Klinikleiterin, für den erscheint auch ein reitender Bote. Die Firma, die seelisch ramponierten Führungskräften wieder auf die Beine hilft, operiere in einer Wachstumsbranche, weitere Kliniksatelliten im All seien geplant. Wer keine Hilfe benötigt, könne mit Beteiligungen mitverdienen.

Diese Mammon-Rahmenhandlung, die Levy Brechts Stück verpasst hat, ist konzis. «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral» wird in der «Dreigroschenoper» gesungen, «erst muss es möglich sein, auch armen Leuten vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden». Oder an anderer Stelle: «Doch leider sind auf diesem Sterne eben die Mittel kärglich und die Menschen roh. Wer möchte nicht in Fried’n und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!»

Das sind einfache Wahrheiten, auf welche sich die Ausgebrannten im Zen-Garten besinnen und daran genesen sollen. Auf dass das Heilgeschäft läuft und Dividende ausgeschüttet werden können. Herrlich zynisch!

Aktion: Zwei für einen

Schade nur, dass Levy seine Ergänzungen mit Streichungen kompensieren musste. Dadurch sind vor allem am Anfang einige der witzigsten Stellen weggefallen.

Dem Publikum war’s egal, es applaudierte kräftig. Zumal es an der Premiere in den Genuss einer Luxus-Version der Aufführung kam: Weil Thomas Reisinger (Peachum) erkältet war, übernahm Klaus Brömmelmeier als Pfleger verkleidet jeweils seinen Gesangspart. Brömmelmeier spielte letzten Herbst den Peachum in der «Dreigroschenoper» des Zürcher Schauspielhauses.

Dani Levy im Telebasel Talk vom 31. Januar 2018:

(Video: Telebasel)

(sda)

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