Der ehemalige Basler Stadtentwickler Thomas Kessler als FDP-Nationalratskandidat: Er könne sich das «vorstellen», sagte er der ‹Basler Zeitung› (Bild: zVg).

Basel

«Wollen Sie Sibel Arslan den Sitz abjagen, Herr Kessler?»

Schock für die konservativeren Basler FDP-Mitglieder beim Morgenkaffee: «Was, dieser post-grüne Hanflegalisierer soll für uns nach Bern?» Schreck für die BastA!-Grünen beim Morgentee: «Was, dieser ‹Abenteuermigranten›-Populist will unsere Sibel Arslan aus dem Nationalrat werfen?» Die ‹BaZ› schrieb: Der ehemalige Basler Stadtentwickler Thomas Kessler plant eine Nationalrats-Kandidatur. Bei der FDP.

Kessler sagt in der ‹BaZ› vom gestrigen Montag: «Ich kann mir eine Nationalrats-Kandidatur vorstellen, sofern die (Basler FDP) Partei offen ist für die ‹1848-2048er-Linie›.» Dazu gehörten mit Blick auf die Industrie 4.0 intakte Chancen für alle Kinder, eine breitere politische Partizipation und die Überwindung der Prohibition. «Es kommt ganz auf den Diskurs an.» Zunächst aber werde er in der Liberalen Denkfabrik an einem Grundsatzpapier mitarbeiten.

Kesslers Kandidatur wäre ein Angriff auf Sibel Arslans Sitz

Die Idee stamme von Daniel Seiler, dem Vizepräsidenten der Partei und Leiter der Personalkommission: «Ziel ist es, für die nächsten Wahlen eine starke Liste zusammenzustellen. Wir wollen den verlorenen Sitz wieder zurückerobern». Bei der Parteileitung unter Luca Urgese sei er mit der Idee auf ein positives Echo gestossen. Kessler verkörpere die liberalen Werte etc.

Sicher ist: Kessler ist berühmt in Basel, bekannter jedenfalls als alle anderen aktiven Basler FDP-Persönlichkeiten – mit Ausnahme von Regierungsrat Baschi Dürr. Und: Kesslers Kandidatur gefährdete zunächst mal den Nationalratssitz von Sibel Arslan, die 2015 mit nur 7’233 Stimmen gewählt wurde. Thomas Kessler, der einstige Zürcher Grüne Kantonsrat, der nun den Grünen in Bern einen Sitz abjagen will? Die Partei fällt ihren Entscheid nächstes Jahr.

100 Tonnen Cannabis aus den Schweizer Bergen

Sicher ist ferner: Die Basler FDP würde mit Thomas Kessler einen argumentationsstarken, inspirierten und vor Vitalkräften strotzenden Politiker mit Medienstar-Potential importieren, der sich landesweit als Berater und Experte, auch für den Bund, profilierte. Beispiele für effektive Auftritte gibt es viele.

Kessler, dessen Basler Staatskarriere als Drogendelegierter begann und sich als Integrationsbeauftragter fortsetzte, sorgte im März 2014 für Schlagzeilen, als er der zuständigen eidgenössischen Kommission vorschlug: Bergbauern im Bergell, Unterengadin oder Verzascatal sollen im Auftrag des Staates jährlich rund 100 Tonnen Cannabis produzieren – und so die Nachfrage in der ganzen Schweiz abdecken. Cannabis als Rettung für strukturschwache Regionen, fragte ‹20Minuten›.

Brutschins Zorn, Schockstarre bei den Linken

Erzürnt war SP-Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin als Kessler öffentlich, als Basler Stadtentwickler, im Herbst 2015 die Lizenz zum Sonntagsverkauf für die Läden an der Schifflände forderte. Sein Chef Guy Morin wurde von der Regierung dazu verknurrt, Kessler einen Verweis auszusprechen.

In Schockstarre hatte Kessler 2012 die Linke des Landes versetzt, als er einen Teil der Asylsuchenden als «Abenteuermigranten» bezeichnete. Der Bund bestätigte Kesslers Aussage. Wer wollte dem schweizweit anerkannten und dossiersicheren Migrationsspezialisten nun noch über das Maul fahren? Und hätte er es deshalb gehalten?

«Meinungsstärkster Querdenker»

Gewiss nicht. So kritisierte er kürzlich im Sonntags-Talk auf Telebasel die Basler Messeleitung im Zusammenhang mit der Baselworld-Krise als hochnäsig, oder prangerte in der ‹bzbasel› die «Bürokratisierung» in der Schweiz als «grotesk» an, die die Unternehmen jährlich zwei Milliarden Franken koste.

Für viele in Basel hat sich das Bild fest eingegraben, dass der schwache Regierungspräsident Guy Morin den starken Chefbeamten, den «Abenteuerbeamten», Thomas Kessler im Februar als Stadtentwickler raus warf, weil er ihn, den Unbequemen, den «meinungsstärksten Querdenker», nicht zu bändigen wusste.

Thomas Kessler als Parteikollege eines Johann Schneider-Ammann?

Wer sich mit Kessler unterhält, kann nach drei Sätzen leicht den Eindruck gewinnen, ihm hinterherzuhinken. Egal bei welchem Thema. Fraglich, ob die landesweiten FDP-Grössen dies immer zu schätzen wüssten. Man muss sich das nur mal bildlich vorstellen: Thomas Kessler als Parteikollege des einstigen Steueroptimierers Johann Schneider-Ammann, eines AKW-Befürworters Christian Wasserfallen, des No-Billag-Unterstützers Hans-Ulrich Bigler?

Könnte er es überhaupt verhindern, wenn es der Machtkampf will, nach Bedarf von der eigenen Partei als linker Spinner ausgegrenzt zu werden? Wäre ihm wohl in der Rolle eines Tarnkappen-Grünen? Hielte er es der inhaltliche Denker im Intrigen- und Manöver-Biotop Bundeshaus aus?

Kessler nimmt Stellung am 21. November 2017 um 18:40 Uhr und ab 19:15 Uhr stündlich im Telebasel Talk.

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