Kenneth Branagh (rechts) als Hercule Poirot. (Screenshot: Youtube/KinoCheck)
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Wallander ermittelt bei Agatha Christie

Mit vielen Stars sowie sich selbst in der Hauptrolle hat Kenneth Branagh den Krimi-Klassiker ‹Mord im Orient-Express› neu verfilmt. Der Brite präsentiert üppiges Unterhaltungskino à la Hollywood. Angereichert mit einigen nachdenklichen Tönen.

Irgendwo auf dem Balkan gerät ein Luxuszug in eine Schneeverwehung und kommt auf einer Brücke über schwindelerregendem Abgrund zum Halt. Während draussen eine dunkle, stürmische Nacht tobt, wird drinnen ein Mann umgebracht – mit vielen Stichen auf dem Bett seines Schlafwagenabteils. Zufällig ist ein Passagier der berühmte belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot. Der kombiniert messerscharf: Nur einer der 13 Mitfahrer – Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft und Gesellschaftsklassen – kann die Untat vollzogen haben. So macht sich Poirot an die Aufklärung, bevor eine nahende Rettungsmannschaft die Eingeschlossenen befreien kann.

Der Trailer zum Film:

(Video: Youtube)

Schon Oscar erhalten

Fans klassischer Krimis ist die Story wohlbekannt. Denn der Roman ‹Mord im Orient-Express› von der ‹Queen Of Crime› Agatha Christie (‹Das Böse unter der Sonne›) erschien bereits 1934 und wurde seither weltweit millionenfach gelesen und einige Male verfilmt. Für die erste Kinofassung sorgte 1974 der Hollywood-Regisseur Sidney Lumet mit Stars wie Albert Finney als Ermittler sowie Ingrid Bergman, Lauren Bacall und Sean Connery. Sechs Oscar-Nominierungen gab es dafür, den Preis gewann die Bergman für ihre Rolle als schwedische Missionarin. Eine heutige Kinogrösse – Sir Kenneth Branagh (auch ‹Kommissar Wallander› im TV) – sorgt nun für das dritte Remake.

Der umjubelte Shakespeare-Interpret (‹Viel Lärm um nichts›) inszenierte den Stoff seiner Landsmännin und spielt höchstpersönlich den Feinschmecker und Philosophen Poirot. All das ist ihm gefällig gelungen, obwohl sein Werk nicht durch besondere Originalität besticht. Mancher Zuschauer muss sich wohl auch erst an sein Gesicht gewöhnen, denn Branagh sieht eben eher britisch als romanisch aus. Seine amerikanisch-britische Produktion bietet ebenfalls ein Allstar-Ensemble auf – darunter Penelope Cruz, Judi Dench, Michelle Pfeiffer, Johnny Depp. Doch er wäre wohl nicht Branagh, wenn er das unterhaltsam-schaurige Geschehen nicht um einige existenzielle Untertöne anreichern würde.

Branaghs ‹Mord im Orient-Express› schwelgt in der Pracht üppiger Bilder aus einer vergangenen Zeit. Immer wieder schweift die Kamera über die mit Hilfe von Spezialeffekten geschaffenen historischen Kulissen der Städte Jerusalem und Istanbul, in denen Poirot sich zuvor aufgehalten hat. Elegante Hotels und Restaurants, ein tutender Dampfer, stilvoll mit Hut, Anzug und schönen Roben bekleidete Menschen bilden die Szenerie. Doch es ist eine Welt, in der das Verbrechen überall lauert. Hier kommt es in Gestalt von Johnny Depp an Bord des Zugs. Dessen Mr. Ratchett ist ein grobschlächtiger Amerikaner mit Narben im Gesicht, der Poirot um Beistand bittet, weil er Drohbriefe erhalte.

Gesellschaftskritik tritt hervor

«Ich spüre Verbrecher auf, ich beschütze sie nicht», antwortet der kalt – und lässt dafür sogar ein köstliches Törtchen im Speisewagen stehen. Doch je mehr der Ordnung und Rationalität liebende Detektiv nach der bald darauffolgenden Bluttat seine geheimnisvollen Mitreisenden verhört, desto mehr beginnt er an der Vernunft der Menschen zu zweifeln. Er habe wohl mit der Tatsache ihres inneren Ungleichgewichts zu leben, resümiert Branagh/Poirot nach dem abgeschlossenen Fall. Und das bezieht sich nicht nur auf den Mord. Denn die Gesellschaft in ihrem elitären Gefährt wird im Film überhöht zum Symbol einer Welt in schlimmer, rassistischer Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. In ihrer Lage auf der Brücke kommt sie aber gerade noch einmal davon. (sda dpa)

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