Der Dirigent der Oper Titus Engel. (Archivbild: Keystone)

Basel

‹La traviata› von Giuseppe Verdi

Verdis ‹Traviata› braucht in erster Linie ein grandioses Sängertrio und einen subtil agierenden Dirigenten. Dann wird der Abend zu einem musikalischen Höhenflug und lässt auch über eine nicht ganz überzeugende Inszenierung hinwegsehen - wie die Premiere am Basler Theater zeigt.

Das glamouröse Leben – oder vielmehr das elende Sterben – der legendären Pariser Kurtisane Violetta Valéry, Stoff von Giuseppe Verdis 1853 in Venedig uraufgeführter ‹La traviata›, gehört zu den meistgespielten Werken der Opernliteratur. Entsprechend gross ist der Anspruch der jeweiligen Regisseure, dem berührenden Schicksal der Kameliendame wenn nicht eine neue Lesart so doch eine neue Bebilderung zu verpassen. Einem Schicksal, das seinerzeit kein Einzelfall gewesen sein dürfte und mit dem Verdi erstmals ein quasi tagesaktuelles Thema – gesellschaftlich, individuell, medizinisch – auf die Opernbühne bringt.

Vielfältigte Arten zu sterben

So wurde denn das tragische Ende der von Tuberkulose Gezeichneten schon auf vielfältigste Weise zur Darstellung gebracht: Mal gibt eine riesige Uhr, deren Zeiger unerbittlich vorrücken, ein augenfälliges Bild für die sich rasch konsumierende Lebenszeit der Protagonistin.

Ein anderes Mal werden deren letzte Momente mit dem zu spät zurückgekehrten Liebhaber als reiner Fieberwahn, als Trugbild der Sterbenden gezeigt. Oder diese Sterbeszene wird gar schon während des Vorspiels antizipierend gezeigt, sodass die darauf folgende Oper gewissermassen nur mehr Erinnerung einer Todkranken sind.

Der amerikanische Regisseur Daniel Kramer zeigt uns im letzten Akt die Todgeweihte als ihre eigene Totengräberin, die sich selbst ihre Grube aushebt. Damit wolle er, so lässt er sich im Programmheft verlauten, zeigen, dass er Violetta nicht primär als Opfer einer hedonistischen, hypokriten Gesellschaft sieht. Sondern als eine, die ihren Weg als Sexarbeiterin geht – konsequent und bis zum bitteren Ende.

Das mag aus heutiger Sicht, da Selbstaufopferung und Verzicht einer Liebenden zugunsten einer anderen obsolet anmuten, eine valable Deutung sein, eine gesellschaftspolitische Utopie gar. Nur, Dumas und Verdi erzählen eine andere Geschichte – welche die aktuelle Realität im Umgang mit Frauen übrigens keineswegs anitquiert erscheinen lässt.

Erst überladen dann reduziert

Doch zurück zur Opernbühne: Nach dem ätherisch-irrealen Preludio – der Dirigent Titus Engel geht die Tempi gemeinhin ruhig an und lässt dafür Farben und Schattierung wunderbar aufscheinen! – hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf das Halbrund eines überladenen Intérieurs in Schwarz und Weiss (Bühne: Lizzie Clachan). Drehbare Sofas, Kuschelnischen, «Spiel»-Geräte, die offenbar einer ungezügelten Spassgesellschaft zur Verlustierung dienen, besetzen das leicht erhöhte Mittelpodest. Spiegel, Plexiglas, Chrom, Lichterketten und Kunststoff – ein geschmacklos üppiger Swingerclub aus den Siebzigern. Sinnesfreudig geben sich auch die bieder-frivolen Kostüme; Sockenhalter und Mieder als Ausdruck verruchter Leidenschaft!

Später reduziert sich das Bühnenbild konsequenterweise. Den Rückzug ins Landleben charakterisiert ein leerer Raum mit Blumenbeet und schaukelartigem Liebesnest an vier Drahtseilen. Hier kann Alfredo ein symbolträchtiges Kamelienbäumchen pflanzen, das er nach dem vermeintlichen Treuebruch brutal wieder entwurzelt. Hier kann/muss Violetta nach Germonts zynischer Forderung den Rasenteppich aufschlitzen in Vorwegnahme des späteren Grabes. In der bereits beschriebenen Schlussszene symbolisieren ausgelegte Matratzen ein Gräberfeld und das kontrastierende Karnevalstreiben mutiert unversehens zum grotesken Allerseelenritual auf dem Friedhof.

Spitzensänger

Pavel Valuzhyn als Alfredo in beige-grauem Anzug nimmt sich im Demimonde augenfällig als Fremdkörper, als unmodischer Naivling aus. Doch mit seinem unangestrengten, strahlkräftigen Tenor und seinem natürlichen Spiel fokussiert er jedoch sofort unser Interesse.

Und natürlich auch dasjenige von Corinne Winters als Violetta in «jungfräulichem» Weiss und üppigem Kopfschmuck (Kostüme: Esther Bialas). Auch sie bleibt ihrer Rolle nichts schuldig: Eine Traviata, die gleissende Koloraturketten ebenso wie innige lyrische Passagen, extravertierte Selbstäusserung ebenso wie bittersten Schmerz mit grandioser, berührender Intensität darbringt.

Als dritter in dieser fatalen Dreieckskonstellation agiert Ivan Inverardi als Vater Germont: imposant in der Erscheinung und ebenso mit seinem machtvollen Bariton. Zusammen mit dem klangmächtigen Chor schaffen die drei Protagonisten vor allem dort bewegende Momente, wo sie ohne szenischen Aufwand ganz bei sich sind.

(Bruno Rauch/sda sfd)

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