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Der Telebasel Report ‹Angst vor Digitalisierung? Teil 4› vom 7. September 2017.

Basel

Angst vor Digitalisierung? Teil 4

Städte sollen immer effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver werden – sogenannte ‹Smart Cities› sind die Zukunft. Wir erklären den Begriff und zeigen Städte, die in diesem Bereich den Baslern bereits weit voraus sind. Wo führt das Ganze hin? Was bedeutet in Zukunft die Privatsphäre? 

Im Kultfilm ‹Zurück in die Zukunft› reist Filmheld Marty McFly ins Jahr 2015. Fliegende Autos und Skateboards, viele Gegenstände des Alltags sind elektrifiziert und bewegen sich gar selbstständig. Aber auch Drohnen, die mit Hunden spazieren gehen. Obwohl die Menschheit so einiges erreicht hat, ist vieles davon heute noch nicht real und auch das Zeitreisen hat (leider) noch niemand erfunden.

(Video: Youtube)

Alles miteinander vernetzt, hunderte von Kameras, Sensoren messen das Wetter, Luftqualität oder Verkehrsaufkommen und das alles, um die Lebensqualität zu erhöhen. So sehen wir im Jahr 2017 die Stadt der Zukunft. Der Begriff ‹Smart City› wird seit den 2000er Jahren verwendet und ist bereits in der Politik sowie Wirtschaft, aber auch in der Stadtplanung von Bedeutung. Er fasst gemäss unterschiedlicher Definitionen die technologischen Veränderungen und Innovationen in städtischen Räumen zusammen. Umweltverschmutzung, demographischer Wandel, Bevölkerungswachstum, Finanzkrise und vor allem Ressourcenknappheit stehen dabei im Fokus. Es sind vor allem Innovationen, auch auf nicht-technischer Basis. Gemeint sind Innovationen, die zu einem besseren und nachhaltigeren Leben in einer Stadt beitragen.

Unabhängig von fossilen Energieträgern

Eine ‹Smart City› soll der erste Schritt zu einer sogenannten postfossilen Gesellschaft sein. Das heisst, die Menschheit soll sich langfristig von Öl und anderen fossilen Energieträgern unabhängig machen. So sollen Ressourcen wie beispielsweise  Energie und Wasser durch eine intelligente Vernetzung neuer Technologien effizient genutzt werden. Dazu gehören auch die Entwicklung und Realisierung neuer und zukunftsträchtiger Mobilitätsformen. Das Potenzial einer solchen ‹Smart City› kann sich aber nur entfalten, wenn Bürger, Stadtverwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kooperativ zusammenarbeiten. Sozusagen also ein einziges, riesiges Netzwerk.

(Quelle: Youtube)

Eine Cloud für alle

Die Möglichkeit, Daten in einer Cloud – also einem virtuellen Speicher – zu sichern, besteht ja bereits heute. Nur soll in Zukunft alles noch grösser und noch vernetzter werden. Der Begriff ‹Internet of Things and Service› wird im Zusammenhang mit der Stadt der Zukunft immer wichtiger. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes ‹Allesnetz›, das es ermöglicht, physische und virtuelle Gegenstände miteinander zu vernetzen und sich auch zusammenarbeiten zu lassen. Den Begriff gibt es aber schon seit geraumer Zeit, wie dieses Erklär-Video von 2014 zeigt.

(Video: Youtube)

Die Idee: Die gesamte Umgebung ist mit Sensoren versehen, die alle Daten in einer Cloud verfügbar machen. Das Ziel ist eine permanente Interaktion zwischen Stadtbewohner und der Technologie. Menschen sollen so auch ein Teil der technischen Infrastruktur werden.

Neue Städte entstehen

In Sachen ‹Smart City› sind unsere östlichen Nachbarn in Asien natürlich wieder einmal auf dem Vormarsch. Dort werden bereits hochtechnologisierte neue Planstädte gebaut, die von Konzernen gesteuert werden. So zum Beispiel die südkoreanische New Songdo City mit ihren mehr als 20’000 Bewohnern. Es handelt sich hierbei um die momentan modernste Stadt der Welt und sie befindet sich 40 Kilometer von Seoul entfernt. Bis 2020 sollen dort gemäss Planung 250’000 Menschen wohnen. Bevor die Mega-City aber gebaut werden konnte, mussten zuerst 500 Millionen Tonnen Sand ins Meer gekippt werden. Auch im Sand von Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten entsteht eine intelligente Stadt.

(Quelle: Youtube)

In der Stadt der Zukunft ist vieles ein wenig anders. Es gibt Türen, die man mit dem Fingerabdruck öffnen kann. Das funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie bei den modernen Smartphones. Bewohnerinnen und Bewohner können hier einer oder mehrer Finger speichern. Jede Wohnung verfügt über ein sogenanntes ‹Smart Panel›, ein Monitor, mit dem jeder zum Beispiel Temperatur oder Beleuchtung steuern kann. Diese Bildschirme können auch als Fenster nach draussen dienen, denn in der Stadt sind über 50’000 Überwachungskameras verteilt. Fast schon wie in ‹die Tribute von Panem› ist jede Wohnung mit Lautsprechern ausgestattet. So wird die Bevölkerung über wichtige Ereignisse informiert. Die gesammelten Daten laufen alle in einem ‹Computerhirn› zusammen. Auf unzähligen Grafiken können die Verantwortlichen alle wichtigen Entwicklungen beobachten und gegebenenfalls reagieren.

Auch im Bereich Müllentsorgung bieten sich so einige Innovationen. So öffnen die Einwohner mit einen Chip einen Schacht und werfen ihren Abfall ganz einfach hinein. Durch ein Röhrensystem gelangt dieser an eine zentrale Sammelstelle und wir dort gar getrennt.

Digitale Abläufe integrieren

In Asien oder den Vereinigten Emiraten werden zwar ganze Städte gebaut, die Zukunft ist das aber nicht. Grosskonzerne wie Cisco möchten an solchen Beispielen aufzeigen, was technologisch möglich ist. Europäische Städte arbeiten im Moment eher daran, digitale Abläufe in das öffentliche Leben zu integrieren. Das stellt sich aber aufgrund des Datenschutzes als schwieriger heraus, als das effektive Bauen von ‹Smart Cities›. Das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen ist nicht einfach. Die Umwandlung geschieht deshalb Schritt für Schritt. Essentiell bei einem solchen Projekt sind die Bereiche Verkehr, Energie und Datenmanagement. Ziel ist die Integration und den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner angenehmer zu gestalten. Zur Zeit entwickeln sich vor allem in Barcelona, Amsterdam, Wien oder Hamburg.

(Video: Youtube)

Die Hansestadt gilt als Beispiel für die Digitalisierung. Wie auch bereits hier in Basel merken Ampeln, wenn sich Busse nähern. In Hamburg geht die Technologie aber noch ein bisschen weiter. Zur Zeit wird an einem ‹Smart Port› gearbeitet, der Waren- und Verkehrsströme optimieren soll. Ebenfalls soll in solchen Zukunfts-Städten der Verkehr möglichst platzsparend, energieeffizient und störungsfrei geregelt sein. Im Juli 2017 haben die Deutsche Bahn und Hamburg eine ‹Smart City›-Partnerschaft abgeschlossen. So soll zum Beispiel an Fernbahnhöfen mittels digitale Wegleitsysteme, leistungsfähigeres WLAN oder der Integration von Co-Working-Räumen die Aufenthaltsqualität gesteigert werden.

Smart City Schweiz

Und was treiben die Schweizer? ‹EnergieSchweiz› hat hierzulande das Projekt Smart City Schweiz ins Leben gerufen. Gemäss Homepage möchte es Städten in der Schweiz aufzeigen, welche Chancen bei der Planung und Realisierung von Projekten bestehen, wenn vernetzt und spartenübergreifend gehandelt wird. So sollen vor allem smarte Initiativen gefördert werden. Denn eine grosse Herausforderung liegt darin, Stadtplaner zum vernetzten Denken anzuregen. Es handelt sich um einen aufwändigen Prozess, denn es geht nicht darum, einzelnen Häuser oder Quartier intelligenter zu machen. Auch Faktoren wie Mobilität, Dienstleistungen und Infrastruktur müssen miteinbezogen werden.

Rosige Zukunft oder düstere Aussichten?

Bei all diesen technologischen Zukunftsgedanken werden natürlich auch kritische Stimmen laut und automatisch Ängste entfacht. Im Netz wird über das Thema ‹Smart City› lediglich diskutiert. Durch intelligente Steuerung und Vernetzung soll Nachhaltigkeit erreicht werden. Doch auch diese brauchen wieder Energie und stellt man sich vor, dass in Zukunft jedes Gerät ‹smart› sein wird, könnte das mehr Energie verbrauchen, als jemals zu vor. Mit einer ‹Smart City› lassen sich nicht alle Probleme lösen. Armut oder soziale Ausgrenzung lassen sich nicht ausschliesslich durch den technologischen Fortschritt aus der Welt schaffen. Die Erleichterung des Alltags klingt nach einer feinen Sache, doch sind sich viele einig, dass die Technologie den Menschen nicht dominieren darf.

Architekt Rem Koolhaas argumentierte bereits 2015 gegenüber der Tageswoche, dass ‹Smart Cities› Bewohnerinnen und Bewohner entmündigen würden. Wo er Recht hat, hat er Recht: Wird einem der Alltag so sehr erleichtert, muss man sich am Ende nicht einmal mehr selbst anziehen. Manche gehen gar so weit, als das sie das ‹Smart City›-Konzept als Verdummung der Städte bezeichnen.

Und natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Datenschutz wieder in den Vordergrund. Gemäss Koolhaas werden Wohnungen durch das Überwachungssystem zu privaten Zellen. Es stellt sich am Ende die Frage, was bedeutet in Zukunft die Privatsphäre?

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