Befragte wünschen Abstriche und Einsparungen im Gesundheitswesen, allerdings nicht bei sich selbst. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Schweiz

Prämienzahler wollen keine Abstriche im Gesundheitswesen

Die Schweizer Bevölkerung erwartet, dass die Kosten im Gesundheitswesen steigen. Im gfs-Gesundheitsmonitor haben 92 Prozent der Befragten diese Frage bejaht, 16 Prozentpunkte mehr als letztes Jahr. Doch Abstriche bei Qualität und Leistung wollten die Befragten keine.

«Kosten und Prämien sinken nicht», lautet der Titel der Gesundheitsmonitors 2017, der am Montag in Bern vorgestellt wurde. «Die Stimmberechtigten wissen, dass ihre Anspruchshaltung an Qualität und Leistung im Gesundheitswesen ein Grund für die hohen Kosten ist, und sie wissen, dass es Abstriche braucht – aber sicher nicht bei sich selbst», sagte Studienleiter Urs Bieri.

Die grosse Mehrheit sei mit dem Gesundheitswesen zufrieden bis sehr zufrieden. Zwar zeigt eine Mehrheit inzwischen bereit, über eine Einschränkung bei der freien Arztwahl «nachzudenken», wie Bieri sagte. Der Zustimmungswert zu dieser Massnahme sank aber von 59 Prozent auf 51 Prozent.

Stochern im Nebel

Bei der Einschränkung der freien Spitalwahl blieb die Zustimmung mit 66 Prozent (minus ein Prozentpunkt) gleich. Der Vorschlag, den Zugang zu neuen Medikamenten zu beschränken, legte um sieben Prozentpunkte auf 43 Prozent Zustimmung zu.

Zwar sei das Kostenbewusstsein ein fixer Faktor in der Einstellung der Befragten und das Bewusstsein nehme zu, sagte Politologe Bieri. «Man will irgendwie bei den Leistungen sparen; dabei ist das Irgendwie der Knackpunkt.» Die Bevölkerung verliere sich im Nebel.

Eine klare Mehrheit (58 Prozent) will den Leistungskatalog auf dem heutigen Stand belassen. Nur elf Prozent haben sich für einen Abbau ausgesprochen. Auch am Obligatorium in der Grundversicherung soll nicht gerüttelt werden.

Tendenz zur Entsolidarisierung

2016 hatte die repräsentative Umfrage zum ersten Mal eine Entsolidarisierung gezeigt. Diese Tendenz gab es auch 2017: So forderten 65 Prozent (plus 15 Prozentpunkte) der Befragten, dass die Krankenkassen die Medikamentenkosten in Bagatellfällen nicht mehr bezahlen sollen.

An Unterstützung (minus 14 Prozentpunkte) verloren haben ungewollt kinderlose Paare: Nur noch 53 Prozent wollten, dass die Kassen die Behandlungen gegen Kinderlosigkeit bezahlen. Bei den gewichtsbedingten Krankheiten sind es noch 51 Prozent. 46 Prozent (plus sieben Prozentpunkte) finden, ein Fitness-Abo oder andere vorbeugende Massnahmen solle man wieder aus eigener Tasche bezahlen.

Keine Solidarität mit Suchtkranken

Eine Mehrheit der Befragten (63 Prozent, plus 5 Prozentpunkte) ist nicht mehr bereit, Schäden, die durch Rauchen und Alkohol entstanden sind, mitzutragen. Auch die ärztlich verordnete Heroinabgabe (58 Prozent) und andere Behandlungen im Zusammenhang mit Drogenabhängigkeit (63 Prozent) sollen die Kassen nicht übernehmen.

Während die Heroinabgabe schon seit etlichen Jahren nach Meinung der Befragten nicht kassenpflichtig sein sollte, kippte die Solidarität mit Rauchern und Raucherinnen, Alkoholkranken sowie anderen Suchtkranken ab 2012.

Solidarisch mit Krebskranken

Generalisieren lasse sich die Bereitschaft zur Leistungseinschränkung nicht, betonte Bieri. So forderten neun von zehn Befragten, dass Krebsmedikamente allen unabhängig vom Einkommen zugänglich sein sollen.

Solidarisch zeigten sich die Befragten auch gegenüber Menschen mit seltenen Krankheiten. 95 Prozent bejahten die Frage, dass die Behandlung in jedem Fall den Kosten vorgehe.

Tiefere Prämien für Kinder

Tiefere Krankenkassenprämien für Kinder und junge Erwachsene (61 Prozent) stiessen auch auf breite Akzeptanz. 72 Prozent unterstützten den diesbezüglichen Entscheid des Parlaments. Vier von fünf Antwortenden möchten eine solche Entlastung aber auf einkommensschwache Haushalte beschränken.

Eine komplette Prämienbefreiung für Kinder wird von einer Mehrheit von 54 Prozent gewünscht. Doch eine starke Minderheit von 43 Prozent lehnt sie ab.

Der gfs-Gesundheitsmonitor wird im Auftrag von Interpharma von gfs.bern seit 1996 erstellt. Zwischen dem 6. und dem 25. März wurden 1200 Stimmberechtigte aus der ganzen Schweiz befragt.

(sda)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Mehr aus dem Channel

Auch interessant