Carlos Saura 2009 am Filmfestival in Rom. (Keystone)

International

Multitalent und Sozialkritiker: Regisseur Carlos Saura wird 85

Carlos Saura gilt als einer der grössten Meister des Films. Der Spanier fotografiert aber auch, malt, schreibt Romane und führt im Theater Regie. Und ist seit Jahrzehnten auch so etwas wie das soziale Gewissen seiner Heimat. Am Mittwoch, 4. Januar 2017, wird er 85.

An die Rente denkt Carlos Saura noch lange nicht. Wenn er am 4. Januar in seinem Haus im Dorf Collado Mediano rund 50 Kilometer nordwestlich von Madrid im Kreise der Familie die Kerzen auspustet, wird er wohl nur kurz von seinen vielen Plänen abgelenkt werden.

Er wolle weitere Musikfilme unter anderem in Russland und Indien drehen, verriet Saura jüngst in einem Interview.

Und da ist auch noch das ganz grosse Projekt, das in den nächsten Monaten wohl endgültig in Gang kommen wird: Ein Streifen über Pablo Picasso und dessen Antikriegsgemälde ‹Guernica› mit Antonio Banderas in der Hauptrolle.

Wer rastet, der rostet, lautet die Devise des Altmeisters: «Ich drehe Filme, um am Leben zu bleiben», sagte Saura der Zeitung El País.

«Frustrierter Musiker»

Im Oktober 2016 feierte sein vorerst letzter Streifen, das Dokumentar-Musical ‹La Jota› – ein Tribut an den Jota-Tanz seiner Heimat Aragonien – Uraufführung. Es war Sauras 45. Film seit 1955 und nach Würdigungen von Flamenco, Tango, Fado auch der x-te Musik- und Tanzstreifen des Regisseurs.

Warum so viele Musikfilme? «Meine Mutter war Konzertpianistin, ich bin ein frustrierter Musiker, habe aber grosses Musikverständnis. Und es gibt ja auch die Nachfrage.»

Im deutschsprachigen Raum war neben ‹Züchte Raben …› (1975) vor allem ‹Carmen› (1983) ein Hit. Zum Ballett-Film, der seinerzeit ganz Europa in Flamenco-Fieber versetzte, kommentierte Saura jüngst: «Es war verrückt, wie gut ‹Carmen› damals in Deutschland ankam. Und der Film wird im Fernsehen immer noch gezeigt, während er hier in Spanien schon total in Vergessenheit geraten ist». Überhaupt sei er im Ausland «viel bekannter und beliebter» als in seiner Heimat.

Gesellschaftskritik

Carlos Saura kann das mangelnde Interesse verkraften, denn die Auszeichnungen fliegen ihm nur so zu. 1966 und 1968 bekam er den Silbernen Bären der Berlinale, 1981 auch den Goldenen. Er gewann mehrere Male den spanischen Filmpreis Goya, in Cannes erhielt er unter anderem den Grossen Preis der Jury 1976 für ‹Züchte Raben …›, dazu 1985 den BAFTA-Award für ‹Carmen› und 2004 für sein Lebenswerk den Europäischen Filmpreis.

Schon in seinen ersten längeren Spielfilmen, wie ‹Los Golfos› (1959) oder ‹La Caza› (1965) setzte sich Saura mit dem spanischen Bürgertum und der Franco-Diktatur auseinander.

Der Mann, der von kommunistischen Filmemachern, deutschen Expressionisten, Neo-Surrealisten und vor allem von seinem über 30 Jahre älteren Freund und Lehrmeister Luis Buñuel beeinflusst wurde, ist heute immer noch ein unermüdlicher Sozialkritiker.

Die Liste der Dinge, die Saura in seiner Heimat immer wieder an den Pranger stellt, ist lang: Korruption, das mangelnde Kulturbewusstsein der Spanier, das Verhalten der aktuellen Spitzenpolitiker und das Fernsehen, das unbequeme Themen meide.

600 Fotokameras

Aber Carlos Saura beschränkt sich nicht aufs Filmen und Kritisieren. Als junger Mann studierte er Ingenieur-Wissenschaften und malte, bevor er es auf Anregung seines älteren Bruders, des 1998 mit 67 Jahren gestorbenen berühmten Malers Antonio Saura, mit dem Film versuchte.

Sauras liebste Beschäftigung ist aber das Fotografieren. Er besitzt eine Sammlung von mehr als 600 Kameras, macht «jeden Tag mindestens ein Bild, um nicht aus der Übung zu kommen», und stellt seine mehrfach ausgezeichneten Foto-Sammlungen auch regelmässig aus.

«Ich habe immer etwas vor»

Er veröffentlichte drei Romane, schrieb Drehbücher und publizierte Bücher über Fotografie. Er inszenierte mehrfach die Oper ‹Carmen› und führte 2013 in einem Madrider Theater Regie. «Ich habe immer etwas vor. Und wenn es mal nichts gibt, erfinde ich etwas», erzählte er in einem Interview.

Das Privatleben von Saura war ebenso bewegt wie das künstlerische und berufliche. Mit vier Partnerinnen, darunter Geraldine Chaplin, zeugte er sieben Kinder. Seit 1993 ist er mit der 28 Jahre jüngeren spanischen Schauspielerin Eulalia Ramón zusammen.

(sda dpa/Emilio Rappolt)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Auch interessant