Die Regierung hat am Samstagmittag nach eigenen Angaben wieder die volle Macht im Land übernommen, nachdem eine Gruppe Militärangehöriger versucht hatte, die Macht an sich zu reissen. (Bild: keystone)

International

Erdogan kündigt Härte an

Der Putschversuch in der Türkei fällt offenbar in sich zusammen. Die Regierung hat nach eigenen Angaben die Situation im Griff. Tausende demonstrierten auf den Strassen für die Regierung. Die Zahl der Toten ist derweil auf insgesamt 265 gestiegen.

Bei 161 der Toten handelt es sich laut Ministerpräsident Binali Yildirim um regierungstreue Sicherheitskräfte oder Zivilisten. Hinzu kommen 104 getötete Putschisten. 1’140 Menschen seien verletzt und 2’839 Putschisten festgenommen worden. Die Festnahmen dauerten am Samstag an.

Unter den Verletzten ist auch ein Schweizer, wie das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Samstag mitteilte. Das Generalkonsulat in Istanbul stehe mit der betroffenen Person in Kontakt. Das EDA hatte in der Nacht zum Samstag auch seine Reisehinweise zur Türkei angepasst und rief Schweizer Staatsbürger auf, sich an die Anweisungen der Behörden zu halten.

«Situation unter Kontrolle»

Die Regierung hat am Samstagmittag nach eigenen Angaben wieder die volle Macht im Land übernommen. Die Lage sei «vollständig unter Kontrolle», sagte Ministerpräsident Yildirim. Er bestellte alle Parteien für Samstagnachmittag zu einer Sondersitzung ins Parlament ein.

Der amtierende Stabschef des Militärs, Ümit Dündar, sagte, der Putsch sei verhindert worden. Er drohte den Gegnern der Regierung in den Streitkräften mit harter Vergeltung. Dündar war von der Regierung als kommissarischer Generalstabsschef eingesetzt worden, nachdem Putschisten Armeechef Hulusi Akar vorübergehend in ihre Gewalt gebracht hatten.

Panzer und Helikopter

Am späten Freitagabend war im NATO-Land Chaos ausgebrochen, als eine Gruppe Militärangehöriger versucht hatte, die Macht an sich zu reissen. Sie setzten Panzer und Helikopter ein. Istanbul und Ankara wurden von Explosionen und Schüssen erschüttert. Die Flughäfen wurden geschlossen.

Die Putschisten übernahmen die Kontrolle über den staatlichen Fernsehsender TRT. Eine Ansagerin verlas auf Geheiss des Militärs eine Erklärung, in der der Regierung vorgeworfen wurde, die demokratische, säkulare Rechtsordnung zu untergraben. Kurz darauf stellte TRT den Sendebetrieb kurzzeitig ein.

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht.

Erdogan kündigt harte Reaktion an

Der islamisch-konservative Präsident Recep Tayyip Erdogan, dem Kritiker eine zunehmend autoritäre Politik vorwerfen, kündigte in der Nacht Härte gegen die Aufständischen an.

Er forderte die Bevölkerung auf, auf der Strasse zu bleiben. Es müsse mit einem «Wiederaufflammen» des Aufstands gerechnet werden, warnte er im Kurzbotschaftendienst Twitter. In der Nacht zum Samstag hatten in den grösseren Städten des Landes tausende Menschen gegen den Putschversuch protestiert.

An einer der beiden teilweise gesperrten Bosporus-Brücken in Istanbul eröffneten Soldaten in der Nacht das Feuer auf demonstrierende Regierungsanhänger. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP sah dutzende Verletzte. Auch auf dem Taksim-Platz schossen Soldaten auf Gegner des Putschversuchs, hier gab es ebenfalls Verletzte.

Gülen beschuldigt

Erdogan, der sich in den Ferien an der Küste befunden hatte, traf in der Nacht auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul ein, den die Verschwörer vergeblich unter ihre Kontrolle zu bringen versuchten.

Der Präsident machte die Bewegung eines einstigen Verbündeten, des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, für den Putschversuch verantwortlich. «Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen», sagte Erdogan. Gülen wies die Anschuldigung vehement zurück und verurteilte den Putschversuch.

International wurde der Putschversuch ebenfalls scharf verurteilt. Die Vereinten Nationen, die EU, die USA und Russland zeigten sich besorgt und riefen zu Gewaltverzicht auf. Dagegen wurden aus der syrischen Hauptstadt Damaskus Freudenschüsse gemeldet. Erdogans Regierung gehört zu den Gegnern von Syriens Präsident Baschar al-Assad.

Swiss fliegt Sonntag wieder

Die Swiss fliegt am Sonntag wieder in die Türkei. Die beiden Flüge nach Istanbul würden planmässig durchgeführt, teilte die Fluggesellschaft am Samstagabend mit.

Am Samstag waren alle Flüge nach Istanbul gestrichen worden. Aufgrund der aktuellen Lagebeurteilung werde Swiss am Sonntag zum normalen Flugbetrieb in die Türkei zurückkehren, heisst es in einer Mitteilung. Swiss-Flüge von und nach Istanbul können aber kostenlos umgebucht werden.

Edelweiss Air wird den Ferienort Antalya anfliegen. Andere Airlines hatten den Flugbetrieb schon früher wieder aufgenommen. Air Berlin beispielsweise entschied bereits am Samstagmittag, wieder in die Türkei zu fliegen.

(sda reu dpa afp)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

In aller Kürze:

Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben die Situation im Griff: Der Putschversuch fällt in sich zusammen.

Was geschah bisher