Nach den Sniper-Schüssen auf Polizisten wurden in den USA Demos gegen Polizeigewalt entfacht. (Keystone/EPA/ERIK S. LESSER)
International

USA fürchtet sich vor Gewaltwelle gegen Polizisten

Nach den Todesschüssen auf fünf Polizisten in Dallas wächst in den USA die Sorge, dass es zu einer weiteren Eskalation der Gewalt kommt. In vielen US-Städten waren auch am Wochenende neue Protestaktionen gegen Polizeigewalt geplant.

Bei einer Demonstration in New York in der Nacht zum Samstag gab es Dutzende Festnahmen. In Dallas konzentrierten sich die Ermittlungen auf die Motive des Polizistenmörders.

US-Präsident Barack Obama sprach beim NATO-Gipfel in Warschau von einer «bösartigen» und «verabscheuungswürdigen» Tat. Zudem wies er darauf hin, dass die leichte Verfügbarkeit schwerer Waffen in den USA solche Taten noch gefährlicher mache. Diese «Realität» müsse nun genauer überprüft werden. Die Nationalflaggen in den USA sollten bis Dienstag, 12. Juli 2016 auf Halbmast wehen.

Obama kündigte an, dass er seine Europareise um einen Tag verkürzen und schon am Sonntagabend heimkehren werde. Anfang der Woche werde er auf Einladung von Bürgermeister Mike Rawlings Dallas besuchen.

Aus dem Hinterhalt geschossen

Der 25-jährige Micah Johnson hatte in der texanischen Stadt in der Nacht zum Freitag während einer Demonstration gegen Polizeigewalt fünf Polizisten erschossen und fünf weitere sowie zwei Zivilisten verletzt.

Der Schütze verschanzte sich nach den Polizistenmorden stundenlang in einem Parkhaus und wurde am Ende von einem Polizeiroboter mit einem Sprengsatz getötet. Während der Verhandlungen mit der Polizei gab er an, aus Wut über die tödlichen Polizeieinsätze gegen zwei Afroamerikaner in Minnesota und Louisiana in dieser Woche gehandelt zu haben.

Nach Erkenntnissen der Polizei war er wohl der alleinige Schütze, es könne aber Komplizen oder Mitwisser geben, wie der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, sagte. «Wenn es sie gibt, werden wir sie finden, und sie werden zur Rechenschaft gezogen.»

Waffenarsenal in der Wohnung

Die Polizei fand nach eigenen Angaben zudem in seiner Wohnung jede Menge Waffen und paramilitärisches Material – auch zum Bombenbau – sowie Schutzwesten, Munition und ein Handbuch für den bewaffneten Kampf.

Ausserdem seien afro-nationalistische Schriften aufgetaucht. Auch das könnte auf ein Motiv hindeuten. Johnson ist Afroamerikaner.

Wie weiter bekannt wurde, war der 25-Jährige ein Heeresveteran und Ende 2013 in Afghanistan eingesetzt, allerdings als Schreiner. Es deute nichts darauf hin, dass er an Kämpfen beteiligt oder verletzt worden wäre, schrieb unter anderem die ‹New York Times›.

Nach mehreren weiteren Berichten musste Johnson den Afghanistan-Einsatz nach Vorwürfen sexueller Belästigung einer Soldatin vorzeitig beenden. Dies sei ein ungewöhnlich scharfes Vorgehen in dem Fall, zitierte die ‹Dallas Morning News› einen Militärjuristen.

Demos gegen Polizeigewalt

Die Organisation Black Lives Matter (Das Leben von Schwarzen zählt) verurteilte die Polizistenmorde, hielt jedoch an geplanten Protestkundgebungen fest. In Städten wie Houston, New Orleans, Detroit, Baltimore und San Francisco gingen am Freitag zehntausende Menschen auf die Strasse.

Eine der grössten Demonstrationen gab es in Atlanta, wo eine Hauptstrasse blockiert wurde. In Phoenix setzte die Polizei Pfefferspray ein, nachdem Demonstranten Steine geworfen und eine Strasse blockiert hatten. In Rochester im Bundesstaat New York wurden nach einer Strassenblockade mehr als 70 Menschen festgenommen.

US-Vizepräsident Joe Biden, der anstelle des abwesenden Obama am Samstag die wöchentliche Radioansprache hielt, rief dazu auf, Konflikte und Spaltungen friedlich zu überwinden. Alle Amerikaner seien durch «all diese Todesfälle» verwundet, sagte Biden.

Auch schwarze Bürgerrechtler erneuerten ihre Aufrufe zur Mässigung: Die Gewalt gegen Schwarze müsse beendet werden, aber die Lösung könne keinesfalls schwarze Gewalt gegen Polizisten sein.

Erneuter Mord an Polizist wenige stunden nach Schiesserei

Ein 22-Jähriger im US-Staat Georgia hat nach Medienberichten einen Polizisten mit einem Notruf zu seiner Wohnung gelockt und dann auf ihn geschossen. Der Beamte erwiderte das Feuer, und beide – Polizist und Angreifer, wurden verletzt.

Wie der Sender WCTV und weitere Medien berichteten, ereignete sich der Vorfall bereits am Freitagmorgen (Ortszeit) in Valdosta im US-Staat Georgia – wenige Stunden nach den Sniper-Schüssen auf Polizisten in der texanischen Stadt Dallas. Einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen sah die Polizei den Berichten zufolge aber nicht.

Das Motiv des 22-Jährigen blieb zunächst unklar. Er habe mehrere Male auf den Polizisten geschossen, nachdem dieser vor seiner Wohnung aus dem Streifenwagen gestiegen sei. Der Beamte habe eine Schutzweste getragen, aber sei durch eine Kugel im unteren Bauch verletzt worden.

(sda dpa afp)

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In vielen US-Städten wurden nach der Schiesserei in Dallas Protestaktionen gegen Polizeigewalt geplant.

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