Foto: Christian Hilzinger
Basel

48-Stundenwoche für Schiffspersonal

Ab 2017 wird das Personal auf Flusskreuzfahrtschiffen nur noch 48 Stunden pro Woche arbeiten. Diese neue Richtlinie der EU, soll auch für Schweizer Schiffe gelten: Dies forderte die Schweizer Sektion der Gewerkschaft Nautilus.

Flusskreuzfahrten auf dem Rhein oder der Donau boomen. Rund 80 Schiffe fahren unter Schweizer Flagge. Gemäss ‹Nautilus› beschäftigt die Flusskreuzfahrt-Branche europaweit etwa 13’000 Personen. Die Arbeitsbedingungen seien schlecht, kritisiert der Generalsekretär der Gewerkschaft ‹Nautilus›, Holger Schatz  Die Löhne seien tief und die Arbeitstage lang. Arbeitszeiten von 70 bis 80 Stunden pro Woche gebe es auch auf Schweizer Schiffen, sagt ein Schifffahrts-Angestellter, der anonym bleiben will. Die Überzeit könne weder kompensiert noch ausbezahlt werden. Meist würde die Arbeitszeit nicht einmal genau erfasst. Teils verdiene das Hotelpersonal auf den Schiffen nur 600 Franken im Monat. Das Schiffspersonal stamme vielfach aus Osteuropa und Asien. Für sie seien dies immer noch interessante Löhne, erklärt Schatz.

48-Stunden-Woche ab 2017

Am 19. Dezember 2015 hat der EU-Rat ein Arbeitszeitabkommen bestätigt, das die die EU-Kommission vorgeschlagen hat: Ab 2017 gelten Wochenarbeitszeit von maximal 48 Stunden. Die Gewerkschaft ‹Nautilus› fordert, dass das Nicht-EU-Land Schweiz diese EU-Richtlinie übernehme. Davon würden 3000-4000 Personen profitieren, die auf Kreuzfahrtschiffen unter Schweizer Flagge arbeiten.

Grauzone Territorialrecht

Auf der Binnenschifffahrt herrsche eine gesetzliche «Grauzone», sagt der Sekretär von ‹Nautilus Schweiz›. Es sei meist unklar, welches Recht für ein Schweizer Schiff im Ausland gelte. Die Schweiz stelle sich auf den Standpunkt, dass für das Hotelpersonal auf den Schweizer Schiffen nicht etwa Schweizer Arbeitsrecht gelte, sondern dasjenige des jeweiligen Landes, in dem sie arbeiten. Deshalb seien bislang Arbeitszeiten schlecht und schon gar nicht einheitlich geregelt, so Schatz. Häufig wüssten auch die Landesbehörden nicht genau, welches Arbeitsrecht sie anwenden sollen.

«Das Leben wird uns so schwer gemacht als möglich», klagt Schatz. Beispielsweise sehe das Gesetz vor, dass Gewerkschafter das Personal auf den Schiffen besuchen könne. Häufig würde ihnen dieses Recht mit fadenscheinigen Gründen verweigert, sagt der Gewerkschaftssekretär. Kontrollen, ob Arbeitsgesetze und Arbeitsverträge eingehalten würden, seien so kaum möglich.

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Sekretär der Gewerkschaft ‹Nautilus› Holger Schatz (links), Reeder Willem de Zeeuw (Mitte) und Gewerkschafter Nick Bramley (rechts).

Wer protestiert wird entlassen

Zwar gilt für ein Schiff unter Schweitzer Flagge im Ausland jeweils ausländisches Recht, aber will eine Schweizer Schifffahrtsgesellschaft einem ihrer Angestellten künden, gilt wiederum das Schweizer Arbeitsrecht. Für den Angestellten ist dies von Nachteil: Der Kündigungsschutz ist einer der schlechtesten in Europa. Dies sei auch der Grund, weshalb viele Angestellte nicht gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestieren würden, denn die Reedereien können ihnen nach dem Prinzip ‹hire and fire› einfach künden, erklärt Schatz. Sogar wenn das Gericht eine Kündigung als missbräuchlich beurteilt, können die Betroffenen den Arbeitsplatz nicht behalten und lediglich eine Abfindung herausschlagen.

EU-Richtlinie auch für Schweiz?

Der Arbeitgeberverband ‹IG River Cruise› befürworte die einheitliche Regelungen für die ganze Branche. Ihm gehören rund 70 Prozent der derzeit 322 Flusskreuzfahrtschiffe in Westeuropa an. «Wie brauchen einander», sagt der Basler Reeder Willem de Zeeuw zur Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft.

Ob die Schweiz diese EU-Richtlinie einer Wochenarbeitszeit von maximal 48 Stunden übernehmen wird, ist noch offen. Auf Anfrage von Telebasel erklärt das Bundesamt für Wirtschaft und Arbeit ‹Seco›, man habe die internationale Entwicklung verfolgt und noch keinen Beschluss gefasst. Gewerkschaftssekretär Holger Schatz gibt sich zuversichtlich, schliesslich kenne das Schweizer Arbeitsrecht schon heute eine Obergrenze von 50 Stunden pro Woche.

Skeptisch gegenüber Richtlinie

Die neue EU-Richtlinie wird zumindest punkto Arbeitszeit die unterschiedlichen Territorialbestimmungen in den EU-Ländern vereinheitlichen. Ob sie tatsächlich zu einer Verbesserung der Situation des Hotelpersonals in der Binnenschifffahrt führt, zweifelt ein Angestellter jedoch an. Die Arbeiten auf dem Schiff seien derart umfangreich, gibt er zu bedenken, dass sie nur mit Überzeit bewältigt werden können. Würden die Angestellten tatsächlich auf 48 Wochenstunden beharren, würde sich die Kreuzfahrt stark verteuern. «Das wollen wir nicht hoffen», sagt demgegenüber der Reeder Willem de Zeeuw. Zu sehr stehe die Flusskreuzfahrt in Konkurrenz zur Billig-Fliegerei.

An der Medienkonferenz haben die Journalisten auch folgendes interessante Detail erfahren: Der Schiffsanlegeplatz St. Johann in Basel liegt in internationalen Gewässern – und nicht auf Schweizer Territorium.

Beitrag vom 6. April 2016 in den Telebasel News:

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In aller Kürze:

Neues Arbeitszeitabkommen für das Personal auf Flusskreuzfahrtschiffen soll auch für Schweizer Schiffe gelten.

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