Sekundarschule Therwil
Baselland

Politiker kritisieren Handschlag-Dispens

An der Sekundarschule Therwil wollen zwei syrische Schüler ihrer Lehrerin die Hand nicht geben, Telebasel berichtete. Diese fühlt sich als Frau aber diskriminiert. Die Schulleitung löst das Problem mit einem Kompromiss, den die Politik nun kritisiert.

Eigentlich gehört der Abschied mit Händedruck zum täglichen Ritual der Klasse. Letzten Herbst verweigerten zwei syrische Schüler den ‹Handshake› aber. Der Koran schreibe vor, dass nur die eigene Frau und nahe Verwandte zu berühren seien. Mangels Handlungsanweisungen des Kantons, beschliesst die Schulleitung einen Kompromiss: Die beiden Schüler grüssen nun weder die Lehrerinnen, noch die Lehrer mit Handschlag. «Wir merkten, dass sich die Schüler auch bei einem Zwang verweigert hätten», sagt Rektor Jürg Lauener.

Im ärgsten Fall wären die Schüler am Ende von der Schule geflogen. «In einer anderen Schule hätte das Problem vermutlich weiter bestanden. Darum mussten wir eine Lösung finden.» Die beiden Buben seien schon eine Weile in der Schweiz, sprächen gutes Deutsch und wären sonst unauffällig.

Politiker kritisieren

In der Politik stösst dieser Kompromiss aber auf wenig Gegenliebe. Die SVP fordert eine Motion gegen Sonderregelungen für Religionsgemeinschaften. Aber auch die Sozialdemokraten haben wenig Verständnis für dieses Verhalten. «Es ist eine fundamentalistische Lesart des Korans, der die Frau zum Sexobjekt reduziert», sagt SP-Co-Präsident Adil Koller. Den Handschlag zu verweigern habe nichts mit Religionsfreiheit zu tun. Es brauche jetzt eine kantonale Regelung für solche Fälle, fordert auch er.

Auch die Sekundarschule Therwil würde sich zumindest eine Handlungsempfehlung vom Kanton wünschen. «Den Fall haben wir der Bildungsdirektion vorgelegt, aber bisher keine Antwort erhalten», sagt Lauener. Sollte der Kanton eine andere Lösung vorziehen, würde die Sekundarschule ihren Kompromiss überdenken.

Justizministerin Simonetta Sommaruga erachtet die Weigerung der Schüler als inakzeptabel. Die Politikerin sagte in der Sendung ‹10vor10‹ von Fernsehen SRF, «dass ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht». Der Handschlag gehöre zu unserer Kultur. Die Weigerung der beiden Schüler, aus religiösen Gründen einer fremden Frau die Hand zu geben, gehe zu weit und könne auch unter dem Titel Religionsfreiheit nicht akzeptiert werden, sagte die Bundesrätin am Montag weiter. In dieser Angelegenheit dürfe es keine Fragezeichen geben.

Keine dauerhafte Lösung

Die Therwiler Schulleitung habe «vorerst einen pragmatischen Weg» im Sinne eines reibungslosen Schulbetriebs gewählt, lässt sich die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind zitieren. Es handle sich jedoch für sie «nicht um eine dauerhafte Lösung». Grundsätzlich würden für alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Regeln gelten. Gschwind betonte, sie wolle an gleichen Umgangsformen und Verhaltensregeln gegenüber Frauen wie Männern «konsequent festhalten». Sanktionen zur Durchsetzung von Regeln seien sorgfältig zu prüfen. Ein Gutachten sei in Arbeit, ebenso ein Grundlagenpapier zuhanden aller Schulen des Kantons.

Die Fragestellung sei «erstmalig aufgetreten», hiess es am Montag, 4. April auf Anfrage bei der Baselbieter Bildungsdirektion. Der Kanton Baselland habe deshalb noch keine offiziellen Empfehlungen zum Thema Händeschütteln an der Schule.

Publik machte die Therwiler Abmachung die ‹Schweiz am Sonntag›. Der Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz, Christoph Eymann aus Basel-Stadt, pochte in der SRF-Tagesschau vom Sonntagabend auf klare Regeln für alle an der Schule; religiöse Ausnahmen erschwerten die Integration.

Handschlag für Muslim-Dachorganisation zulässig

Die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (FIDS) liess am Montag ihrerseits verlauten, dass ein Händedruck zwischen Mann und Frau «theologisch erlaubt ist» für eine einfache Begrüssung. In der islamischen Tradition sei Höflichkeit gegenüber allen wichtig, und zur Begrüssung gebe es unterschiedliche Bräuche.

Gemäss Communiqué betrachtet die FIDS den Händedruck zwischen Lehrpersonen und Schülern als «unproblematisch», wenn er helfe, eine gute Beziehung zu schaffen mit dem Ziel guter Bildung und wirksamer Integration. In den wenigen Fällen, wo der Händedruck verweigert werde, sei ein konstruktiver Dialog zielführend.

Dagegen stellt sich eine kleine Minderheit der Muslime in der Schweiz repräsentierende Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) aufgrund eines eigenen islamischen Rechtsgutachtens auf den Standpunkt, ein Händedruck zwischen Mann und Frau sei klar verboten. Das Motiv des Berührungsverbots liege nicht in der Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, sondern diene «dem Schutz der körperlichen Integrität von Mann und Frau».

(sda/sr)

News-Bericht vom 4. April 2016:

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